Die Julischen


Sonntag, 5.9.:

Die heutige Etappe hat es in sich, nicht wegen der Schwierigkeit, nicht wegen der Länge sondern wegen der Höhenmeter: insgesamt sind ca. 1600 davon zu überwinden.

Wir starten vom Zeltplatz auf ca. 600Hm, zunächst geht es noch weiter abwärts und dann hinein in ein Tal, das wieder zum Triglav-Nationalpark gehört. Und schon ist da eine Schranke, die den Autoverkehr draussen hält. Mäßig und stetig geht es auf einer netten Schotterpiste durch ein immer enger werdendes Tal bergauf.

Der eigentliche Anstieg zur Hütte „Koca na Dolicu“ beginnt nach ca. 4,5 km und führt dann in Serpentinen durch eine Wand. Von unten sieht sie unbegehbar aus, doch es findet sich immer wieder eine Kehre, ein Übergang um eine Steilstufe zu überwinden.

Früher war dieser Weg der Esel-Zulieferweg (ital.: Mulattiera) für die Hütte. Jetzt wird sie per Hubschrauber beliefert. Ich vermute, dass sich im Laufe der Zeit die Anzahl der Gäste so erhöht hat, dass die Esel-Lieferungen nicht mehr hinterher kamen.

erste Hüttensichtung

Nach 6,5 Stunden erreichen wir Koca na Dolicu.

Koca na Dolicu

Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Die Hütte ist ausgebucht. Außer an einem Waschbecken gibt es kein fließendes Wasser. Das Trinkwasser muss für 4,40€ je 1,5 Liter gekauft werden. Wir befinden uns in einem Karstgebirge ohne natürlichen Wasserzufluss auf ca. 2100Hm.

Koca na Dolicu ist eine mögliche Basis zur Besteigung des Triglav.

Viele junge Leute verschiedener Nationalitäten bevölkern die Hütte und den Außenbereich. Dort wird bei Stirnlampe gekocht und gegessen trotz niedriger Temperaturen. Auf den meisten Hütten in deutschsprachigen Ländern nicht vorstellbar, wegen Umsatzeinbuße.

Leicht verklebt, weil ungewaschen, verziehen wir uns in unsere Schlafsäcke.

Montag, 6.9.:

5:30 Uhr. Blauer Himmel. Die Sonne geht auf. Alles leuchtet.

Nach einem Spiegeleifrühstück starten wir, um den Triglav, den höchsten Berg Sloveniens (2.8xxHm) zu besteigen. Mit leichtem Gepäck begeben wir uns auf den Weg.

Ein langer Anlauf führt uns zur Koca Planisca … „direkt“ unter dem Gipfel des Triglav.

Leider ziehen schon jetzt (9:00 Uhr) kühle Wolken auf. Gleichzeitig haben wir unsere Leistungsfähigkeit überschätzt und daher den Gipfelsturm schon ziemlich früh abgebrochen, unter anderem weil wir unsere geplanten Zeiten nicht einhalten können.

Vorteil davon ist, dass wir genügend Zeit für den Rückweg, eine Essenspause und den Weiterweg zur „Koča pri Triglavskih jezerih“ (die Namen sind hier so schwer auszusprechen, geschweige denn zu behalten) haben.

Eindrücklich auf diesem Weg sind Berge und Steinwüsten (was sonst?) …

… und eine Steinbockmutter, die sich uns in den Weg stellt, um ihre Jungen zu schützen.

Nach einer kurzen Verhandlung konnten wir im Bogen um sie herum unseres Weges ziehen.

Wir ziehen durch das Tal der sieben Seen, von denen einige nur kleine Tümpel sind und andere beeindruckend in der Landschaft liegen.

Ein Wunder ist, dass es diese Seen in dieser Kalksteinkarstgegend überhaupt gibt.

Letztendlich erreichen wir die Koča pri Triglavskih jezerih.

Vor ca. 20 Jahren war ich schon einmal mit zweier meiner Kinder hier. Die Hütte hat sich zu ihrem Positiven verändert: Innenausstattung renoviert, junge Mitarbeiter, neue Speisekarte und peppige Musik. Die Kolchosenatmosphäre von damals mit den resoluten Damen im geblümten Nylonkittel ist verschwunden. Als Reminiszenz an diese Zeit wird auf der Speisekarte noch Sauerkrautsuppe angeboten.

Auch geblieben ist die Wasserknappheit.

Der Abend klingt mit einer slowenischen Jugendgruppe/Schulklasse, die Übungen mit dem Klettersteigset macht, aus. Wahrscheinlich ein kollektiver Klassenausflug auf den Triglav …

Dienstag,  7.9.:

Unsere Schlafsäcke haben wir am Abend in der Seilbahnstation hoch über dem Wocheiner See ausgebreitet. Es ist warm und trocken hier. Mehr braucht’s nicht.

Doch zurück auf Tagesanfang.

Ganz entspannt brechen wir an der Koča pri Triglavskih jezerih nach einen Rühreifrühstück auf. Die nächste Versorgungsstelle, Dom na Komni, ist ja nur 4 Stunden entfernt. Der Weg führt auf schmalen, wilden Pfaden durch ein mit Latschenkiefern bewachsenes Felsengewirr.

Mittags erreichen wir Dom na Komni. Nach einer Rast mit Sauerkrauteintopf (ich) und Buchweizengrütze mit Joghurt (Cornelia) …

… sitzen wir auf der Terrasse. Was tun?

Erstmal stellen wir fest, dass die slowenische Berghüttenküche einfach, deftig, wenig abwechslungsreich und häufig fett ist. Sie hat noch erhebliches Entwicklungspotential.

Nach Abwägung von Hierbleiben und Weiterlaufen entscheiden wir uns für letzteres. Die vor uns liegende Strecke ist zwar so lang, dass wir das Ziel erst im Dunkeln erreichen können, doch wir haben ja das Zelt dabei und können jederzeit die Etappe unterbrechen. Meinen wir.

So stiefeln wir los durch wildes Gelände auf und ab, an verlassenen Almen entlang und durch Wildblumenwiesen, an denen jede  Stadtgärtnerei Gefallen gefunden hätte.

Hinein geht es in die Buhinja-Berge, die noch zu den Julischen Alpen gehören und gleichzeitig einen eigenen Höhenzug südlich des Wocheiner Sees bilden. Auf dem Höhenweg haben wir super Aussichten und Tiefblicke.

Schier endlos zieht sich der schmale Pfad unterhalb des Kamms entlang. Permanente Aufmerksamkeit ist geboten. Kein ebener Zeltplatz ist weit und breit auszumachen. Fast alles ist abschüssiges Steilgelände und als Zeltplatz nicht geeignet.

Wir laufen in den Abend hinein. Die Sonne geht unter.

Eine kleiner Steilabstieg wird mit vorhandenen Drahtseilen und teilweise auf dem Hosenboden überwunden.

Wegsuchbild

Wir laufen in die Dämmerung hinein und erreichen das Skigebiet „Vogel“ direkt oberhalb des Wocheiner Sees. Auf dessen Pistenwegen geht es, jetzt mit Stirnlampe, weil es stockdunkel ist, zum Skihotel.

Um 21 Uhr kommen wir nach 11 Stunden Gehzeit an und finden einen Geisterort vor. Alles zu. Fast alles dunkel. In der Liftstation brennt noch Licht. Wir umrunden das Gebäude und plötzlich geht eine automatische Supermarkttür auf. Wir betreten eine riesige Skiliftkabinenbahnststion: Gummimatten, Toilettenanlagen, offener Gastrobereich, – alles ausgelegt auf hunderte von skifahrenden Menschen.

Wir bleiben, suchen einen Schlafplatz und legen uns erschöpft aufs Ohr. Ein Techniker, wahrscheinlich die Nachtwache, kommt vorbei, fragt freundlich, ob alles o.k. ist.

Danach war alles o.k.

Mittwoch, 8.9.:

6:30 Uhr aufstehen. Schlafsachen zusammenpacken, bevor die ersten Mitarbeiter mit der Seilbahn hochkommen.

Sonnenaufgang fotografieren.

Schon vor der offiziellen Öffnungszeit werden wir von einem Mitarbeiter eingeladen, mit der Kabinenbahn hinunter zu fahren. Ein tolles Erlebnis. Nebenbei erfahren wir, dass das Skihotel bereits seit 5 Jahren geschlossen ist. Und die website der Via Alpina ist noch nicht aufgefrischt …

stillgelegtes Skihotel

Mit der Kabinenbahn hinein in den Nebel, der stets am Morgen über dem Wocheiner See liegt. 1000Hm in 4,5 Minuten.

Am übervollen See-Camp …

… genießen wir Kaffee und digitale Kommunikation. Seit Tagen hatten wir keine Verbindung mehr.

Die Lage des Wocheiner Sees ist wunderbar.

Wir beschließen, eine Etappe der Via Alpina mir „sehr ausgesetzten Passagen“ (O-Ton) auszulassen und einen Knieruhe-, Wasch- und Pflegetag in Bohinj Bistrica einzulegen.

Dazu machen wir eine Bootstour auf dem Wocheiner See von der West- zur Ostseite.

Die junge Bootsbegleiterin, ganz stolz auf „ihr“ Slowenien, gibt uns noch Erlebnistipps, insbesondere die herbstlich-bunten Julischen Alpen im Oktober zu erleben. Gemerkt.

Eine anschließende Busfahrt bringt uns zum Ziel Bohinj Bistrica.

In einem Hostel bekommen wir ein Komfort-Vintage-Zimmer, dass seinen Namen im positiven Sinn verdient.

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