Lagorai

Tag 17, 17.7.:
Ja, Lagorai. Nicht Mongolei.
Das Lagorai ist ein nicht so bekannter Gebirgszug im Trentino. Es unterscheidet sich in  Form, Gestein und Urwüchsigkeit stark von den Bergruppen der Dolomiten.

Es gibt einen Weg, die Translagorai, der durch die ganze Gebirgskette führt. Für die Nächtigung stehen fast nur Biwakhütten (Bivacci) zu Verfügung. Essen, Trinken und Schlafsachen müssen selbst mitgebracht werden. Es sollen auch Wölfe in dieser Gegend geben. Für uns Menschen sind sie meist nicht zu sehen.

Wir wollen einige Etappen der Translagorai gehen. Dafür haben wir unseren Essensbedarf kalkuliert und steigen recht früh am Sonntagmorgen von der Bergstation Colbricon-Express auf gut gepflegtem Weg nach San Martino di Castrozza ab, um einzukaufen.

San Martino di Castrozza

Übrigens scheint hier alles gut gepflegt und ökonomisch optimal durchdacht in diesem Wintersportort, der sich auch zum Sommerferienort mausert.

Nach den Autokennzeichen zu urteilen, wird San Martino fast nur von ItalienerInnen heimgesucht.

Das Einkaufen im sonntags geöffneten „MiniMarket“ …

… und die anschließende digitale Kommunikation in einer mondänen Bar dauern länger als gedacht. Wir beschließen einen Schnellaufstieg mi dem Colbricon-Express und machen uns von der Bergstation aus auf in das Lagorai.

Zunächst zum Passo Colbricon. Den kennen wir schon von gestern. Dann ein Steilaufstieg zur Forcella di Colbricon, der nochmal eine Aussicht auf Rifugio und Lago Colbricon bietet.

Nur eine kurze Strecke weiter passieren wir die Forcella Ceremana. Hier verlassen uns die letzten Tageswandernden und wir sind allein im weiten Fels.

Blockhalden machen uns langsam und es geht hier nur 200m in 10 Minuten voran. Der Fels ist hier nicht so geröllig wie in den Dolomiten, weil Granit.

Wir gewinnen langsam an Höhe, der Fels verändert sich und wir steigen auf von Gletschern geschliffenen Platten, die wie Elefantenrücken aussehen.

In einer Mulde hören wir ganz leise Wasser plätschern. Ich steige ca. 10 Meter in Richtung des Geräuschs und finde eine Quelle, die unseren Wassermangel behebt.

Es wird langsam Abend und unser Ziel, das Bivacco Aldo Moro ist immer noch nicht in Sicht. Ursache dafür ist auch unser sehr langsames Vorankommen.

Endlich, nur 200m vor dem Ziel sehen wir das Bivacco Aldo Moro.

Wir sind froh, angekommen zu sein. Das Bivacco teilen wir uns mit einem jungen Paar aus dem Trentino und ihren drei Hunden.

Etwas eng ist es auf den ca. 12m² und auch sehr warm. Wir kochen draußen Nudeln mit Pesto und Käse bei schönem Sonnenuntergang.

Tag 18, 18.7.:
Im Bivacco ist es um 5:30 Uhr nicht mehr auszuhalten, so stickig ist die Luft hier drinnen. Kurzerhand packen wir unsere Sachen und fliehen nach draußen.

Zum Frühstücken ist es noch zu frisch, daher laufen wir erstmal los.

Bivacco Aldo Moro

Das Blockgelände scheint endlos. Um 8 Uhr sind wir gerade mal 200m vorangekommen, d.h. 150m pro Stunde!

Ein kleine ebene Fläche lädt zum Müsliessen ein. Mit dem Wasser müssen wir haushalten, da es erst am nächsten Bivacco Nachschub gibt.

Drahtseile helfen, kritische Stellen zu überwinden.

Trotz, oder wegen, der Kargheit ist die Landschaft beeindruckend. Nur wenige Strecken lassen sich normal gehen. Meist ist Blockbalancieren mit ständig hoher  Aufmerksamkeit angesagt.

Manchmal muss auch Hand angelegt werden.

Wir treffen auf Relikte des Ersten Weltkrieges.

Das Lagorai scheint eine stark umkämpfte Region gewesen zu sein.

Der „Weg“ ist zwar gut markiert, aber das ist auch die einzige Ähnlichkeit mit den Dolomiten. Ansonsten erleben wir hier ein Stück Alpen pur, ohne Alm- und Gastwirtschaft.

Um 17:30 erreichen wir das Bivacco Nicola e Paolo und sind rechtschaffen erschöpft.

Wir haben fast die doppelte Zeit für die Passage gebraucht wie offiziell angegeben.

Im diesmal viel komfortableren und größeren Bivacco treffen wir wieder auf unser ebenfalls erschöpftes italienisches Paar und ihre drei Hunde.

Heute Abend machen wir uns ein Risotto, trinken verdünnten Wein und erleben mal wieder einen Sonnenuntergang, der alle Anstrengungen des Tages vergessen lässt.

Tag 19, 19.7.:
Heute lassen wir es langsam angehen. Lady C. stecken die gestrigen Anstrengungen noch in den Knochen. Dauerhaft ist eine derartige Belastung nicht durchzuhalten.

Damit unsere Alpenwanderung weiterhin auch ein Vergnügen bleibt, verändern wir grundsätzlich unseren Plan.

Denn eigentlich wollten wir das Orobie nördlich von Bergamo durchqueren. Hier müssten wir jedoch fast täglich mit langen, schwierigen Passagen rechnen. Diese würden uns stark verlangsamen und dadurch gefährden.

So werde ich eine komplett andere Route durch die nördliche Lombardei entwerfen, die sich an den Sentiero Italia anlehnt.

Dieser Entschluss erleichtert uns beide und wir können nun frohgemut mit Stock und Hut unsere Alpenwanderung fortsetzen.

Es passt gut, dass unsere heutige Etappe kurz und einfach ist. Nach ausgiebigem Frühstück vor der Hütte in der Sonne machen wir uns um 10 Uhr langsam auf den Weg.

Erhaltene alte Militärwege erleichtern uns den Aufstieg zur Forcella Moregna (2397Hm).

Wie viele Soldaten sind hier zur Schlachtbank geführt worden?

Was uns wohl auf der anderen Seite des Passes erwartet?

Die Landschaft wird lieblicher und wir freuen uns auf den See.

Dort machen wir eine ausgiebige Rast mit Picknick und Badefreuden.

Noch ein kleiner Anstieg und wir erreichen um 16 Uhr das Bivacco Coldosé.

Bivacco Coldosé

Bis zum Abend füllt es sich. Mit insgesamt 9 Menschen und drei Hunden werden wir einen gemütlichen Abend und hoffentlich eine angenehme Nacht haben.

Tag 20, 20.7.:
So angenehm wie erhofft war die vergangene Nacht im Bivacco Coldosé dann doch nicht.

Zunächst wurde zu Kochzwecken der Ofen im Bivacco befeuert, und zwar in einer solchen Intensität, dass es im doch recht kleinen Innenraum total heiß wurde. Nacheineinander kochten 4 Gruppen ihr Essen.

Anschließend wurde aus mir nicht erklärlichen Gründen draußen noch ein Lagerfeuer angezündet, das bis in den späten Abend befeuert wurde.

Dabei ärgere ich mich zweimal:
Zum einen gibt es hier oben weit und breit kein Holz. Jedes Stück ist mit dem Helikopter hochtransportiert worden. Bei der wirklich massenweisen Verfeuerung fehlte mir jede Wertschätzung für den energetischen und ehrenamtlichen Aufwand der Betreiber des Bivaccos.
Zum anderen kann ich nachvollziehen, dass zum Kochen Holz verfeuert wird. Dass aber dann noch ein Lagerfeuer mit HelikopterHolz betrieben wird in einer Zeit, in der man überflüssige Beiträge zur Erderwärmung möglichst vermeiden sollte, ist mir völlig schleierhaft.

Leider sind meine Italienischkenntnisse nicht so gut, dass ich darüber eine Diskussion hätte entfachen können, was ich sehr gern getan hätte.

Als ein Ergebnis schlief ich in der Nacht in einem vollen, völlig überhitzten Bivacco. Am Morgen fühlte ich mich wie ein unausgeschlafenes, geröstetes Erdnüsschen, wahrscheinlich auch noch gesalzen.

Wir sind daher auch wieder recht früh aus dem Bivacco draußen, frühstücken und machen uns auf die nächste, geplant kurze Etappe.

Über das Col Canzenagol (2220Hm)  gehen wir wieder auf teilweise noch gut erhaltenen Militärwegen des ersten Weltkrieges weiter hinunter und bekommen Einblick in das besiedelte Val di Fiemme.

Die unterschiedlichen Vegetationsstufen von Flechten, Moos, Gräsern, …

… Busch- und letztendlich Baumregion .
..

durchlaufen wir in kürzester Zeit, obwohl wir langsam unterwegs sind. Es ist immer wieder wunderbar, die unterschiedlichen Vegetationsstufen in Zeit- und Höhenraffe wahrzunehmen.

Um die Mittagszeit erreichen wir das Rifugio Cauriol.

Wäschewaschen, Körperpflege und Energietanken sind angesagt. Doch zuvor verabschieden wir uns von Mihail, Sarah und ihren drei Hunden Mia, Ric und Attila. Wir haben uns drei Tage von Bivacco zu Bivacco begleitet und uns dabei immer mehr kennen- und schätzen gelernt.

Sarah und ein Hund haben auf der Tour einige Blessuren abbekommen, so dass sie hier ihre Tour beenden und sich abholen lassen.

Zum Abend werden vom Geißenpeter der Nachbaralm die Ziegen heimgeholt.

Wir lassen den Abend im Rifugio Cauriol bei Tagliatelle con ragu al cervo und Vino rosso ausklingen.

Tag 21, 21.7.:

Der Schlaf in einem richtigen Bett tat mal wieder gut. Alles ist wieder frisch und aufgetankt. Nach dem Frühstück fragt das Wirtspaar, woher wir kommen, wohin wir gehen. Als wir ihnen unsere Geschichte erzählen, sind sie ganz begeistert, weil sie vor ihrer Hüttenzeit viel unterwegs waren. Zum Abschied gibt es dann sogar noch ein auf diesem Blog so seltenes Gruppenfoto.

Und wir ziehen weiter, bleiben noch in dem Lagorai und erkunden auf zugewachsenen Pfaden völlig einsame Hochtäler und -wälder.

Kein Mensch, kein domestiziertes Tier. Die Wildtiere beobachten uns vielleicht aus ihrer Deckung heraus.

Wir durchstreifen eine nur noch wenig aktive Almlandschaft. Jungvieh treibt sich herum, die Almen sind verschlossen oder verfallen teilweise.

Nach einem letzten Anstieg erreichen wir auf 2118Hm um 19 Uhr den Lago Stelluno. Er lädt zum guten Schluss zum Baden und Füße kühlen ein. Eine echte Wohltat.

Am Lago Stelluno

Der Platz fürs Zelt ist traumhaft und sogar richtig eben.

Im Halbdunkel kochen wir ein Potpourri aus Resten von Risotto, Nudeln, Pesto und Käse.  Es schmeckt sogar gut.

Jetzt wartet ein bestimmt erholsamer Schlaf in wunderbarer Umgebung auf uns.

Tag 22., 22.7.:
Die Zeltnacht am Lago Stelluno war wirklich erholsam. Zelt und Utensilien zusammenräumen erfolgt parallel zum Frühstück, und das bei toller Berg- und SeeKulisse.

Das Lagorai verlassen wir heute und steigen zunächst auf schmalen Pfaden ab ins Tal in Richtung Molina di Fiemme.

Dabei passieren wir eine „aufgelassene“ (=nicht mehr betriebene) Malga (=Alm) …

… und eine noch betriebene Jungvieh-Alm.

In Deutschland oder Österreich ständen hier zusätzlich viele Weißbier-Sonnenschirme und dazu die passenden Biertischgarnituren. Es würden gekühlte Getränke angeboten sowie Kaiserschmarrn, Apfelstrudel, Leberkäs mit Bratkartoffeln und ein Jausenteller verkauft.

Ab hier geht es ca. 4km Kilometer auf einem  Schotterfahrweg hinunter, bis uns letztendlich noch 8km Straße bleiben. Dies ist der bisher ödeste Abschnitt des Sentiero Italia, auf dem wir schon seit gestern Abend wieder wandeln.

Sentiero Italia, die Kennzeichnung ist schlicht und einfach und führt auf 7800km durch ganz Italien

Ein Holzabfuhrlastwagen rettet uns nach ca. 3km vor der restlichen Straße. Wir quetschen uns in die Führerkabine und ab geht das Holz nach Molina di Fiemme.

Hier finden wir das B&B ‚La Tana Dell’Orso‘ (die Bärenhöhle), das super zu unserer Tour passt. Der Besitzer ist in der hiesigen Region (Val di Fiemme) Wanderleiter beim CAI und Wandernde auf dem Sentiero Italia sind besonders willkommen.

Noch ein Einkauf für die nächsten Tage in der in der ‚famiglia cooperativa‘ und alles ist erledigt.

Wir machen es uns in der 400 Jahre alten Zirbenstube gemütlich.

Hier ist die Hitze noch erträglich. Die Temperaturen draußen erinnern mich an albanische Verhältnisse im vergangenen Jahr, wo uns das Laufen irgendwann nicht mehr möglich war.

Vom Wanderleiter bekommen wir noch einen Tipp, wie wir unsere Tour am nächsten Tag so ändern, dass sie schattiger zu laufen ist. Danke dafür.

Ein Kommentar

  1. Monique Herzig
    25. Juli 2022
    Antworten

    Liebe Cornelia, Lieber Klaus,
    euere Reisebericht ist sooooo unfassbar schön und wertvoll, DANKE dafür!
    … Super, jetzt reise ich mit euch und es ist wunderbar!
    Ich weiss, dass DraussenSein Klaus Baby ist aber Cornelia freut sich hoffentlich auch über Mitteilung.
    G.l.G und passt gut auf euch auf!
    Monique

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