Ligurisches Hinterland hoch über Genua

Tag 7: Rifugio Ventarola – Rifugio Barbagelata

Der gestrige Dauerregen hat einige Bäche anschwellen lassen, so dass wir häufig diese im Balanceakt überqueren.

Zuerst habe ich ihn wegen der Blätter für eine Buche gehalten – bis ich die Blüten gesehen habe.

Mehlbeere

Nach digitaler Recherche ergibt sich, dass es sich um eine Mehlbeere, einem kleinwüchsigen Baum handelt, der gut resistent gegen klimatische Veränderungen ist.

Ein Schmetterling namens Nagelfleck kreuzt unseren Pfad, der uns durch schier endlosen Buchenwald führt.

Nagelfleck

Manchmal schraubt sich der Weg in Höhen (ca. 1300 Hm), die eine freie Sicht auf die waldreiche Umgebung ermöglichen.

Das Rifugio im Weiler Barbagelata erreichen wir nach kurzer Etappe. Es ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Gut, dass wir ein Zelt dabei haben. Wir stellen es auf dem angrenzenden Spielplatz auf.

Bei angenehmen Temperaturen kochen wir ein WanderAbendessen und trinken Tee zum Sonnenuntergang.

Tag 7: 9,6km – /941Hm – \686Hm


Tag 8: Rifugio Barbagelata – Scoffera

Kurzstämmige Buchen begleiten unseren Etappenstart am nächsten Morgen.

Die Ausblicke sind zwar häufig gleich, doch die schier endlose Wälder beeindrucken mich tief.

Manchmal finden wir darin kleine Ansiedlungen von Menschen und erahnen am Horizont Meeresbuchten.

Auf freien Wiesenflächen fällt uns diese blühende Pflanze auf, die in Südeuropa heimisch ist.

Weißer Affodill

Ein typisches Baumaterial für Scheunen und Schuppen ist in dieser Region Blech – sowohl für das Dach als auch für die Wände. Rotbraune Farbnuancen entstehen mit der Zeit durch Verrosten und ergeben eine spezielle Patina.

Scoffera, ein Dorf am gleichnamigen Pass, ist unser heutiges Ziel. Das B&B ‚La Torretta‘ (kleiner Turm) bietet uns Herberge.

Der einzige Laden, Picola Baita, glänzt mit eigener Patina.

Wir befürchten aufgrund seiner äußeren Erscheinung, dass er dauerhaft geschlossen hat, was sich nicht bewahrheitet – wie so viele Befürchtungen. Zwei freundliche Schwestern betreiben den Markt auf ihre ganz eigene, für uns chaotische Art. Das Sortiment reicht von elementar bis kurios.

Auch die einzige Osteria am Ort hat vermutlich schon bessere Zeiten erlebt.

Etwas hochpreisig bekommen wir Pasta mit Pesto, frittiertes Allerlei (Gemüse, Fleisch und sogar frittierter Pudding!) sowie ‚Salame dolce‘ als Dessert serviert. Wir sind mit einem andern Paar die einzigen Gäste in einem kühlen Gastraum.

Tag 8: 13,7 km – / 613 Hm – \ 1043 Hm


Tag 9: Scoffera – Casella

Nach einem ersten Aufstieg wandeln wir durch eine Wiese bestückt mit Dichternarzissen.

Dichternarzisse

Nach einigem digitalem Rätseln wissen wir, dass es sich bei der ‚Kugel‘ nicht um eine besondere Frucht eines Eichenbaumes handelt, sondern um einen Gallapfel, eine Wucherung, die von der Gallwespe verursacht wird.

Gallapfel

Von der Höhe bekommen wir Einblick nach Genua, der Hauptstadt von Ligurien. Krakenartige Ausläufer fressen sich ins Inland hinein. Kein schöner Anblick.

Wir sind heute niedriger (ca. 600 Hm) unterwegs, wo der Wald hauptsächlich aus uralten Maronibäumen besteht. Die Früchte des vergangenen Jahres warten noch auf ihre Nutzer (Wildschweine) oder ihre Kompostierung.

Regenwolken ziehen auf, doch bleibt es trocken.

Nach 20 km wollen wir den Trenino von Genua nach Casella für die letzten zwei Kilomter nutzen.

Leider ist uns dieser Genuss nicht vergönnt, weil die Bahn außerhalb der Hauptsaison nur an Wochenenden fährt. So latschen wir die noch fehlenden Kilomter auf der Straße nach Casella.

In Casella belohnen wir uns mit einem Apero in einer Bar, wobei hier ohne Aufpreis ein Häppchenteller zum bestellten Bier serviert wird.

Noch ein paar hundert Meter und wir erreichen endlich Angelo’s B&B, in dem wir herzlich begrüßt und von zwei Bordercollies beschnüffelt werden.

Tag 9: 22,o km – /1234 Hm – \1500 Hm


Tag 10: Casella – Pietralavezzara

Angelo’s Frühstück strotzt vor Vielfalt und Fülle. Wir sind – wie bisher fast immer – die einzigen Gäste und dürfen im Wohnzimmer ein für Italien untypisches Frühstück genießen.

Beruflich war Angelo viel in Europa unterwegs und hat dabei die kräftige, süßsalzige erste Mahlzeit am Tag schätzen gelernt.

Wie bei uns auch, gibt es in Casella noch ein altes ‚Lichtspieltheater‘, das bestimmt schon seit Jahrzehnten außer Betrieb ist.

Schönheiten am Wegesrand finde ich immer wieder interessant.

Wiesen-Bocksbart

Wir haben zwar keinen Hund mit, den wir anleinen könnten, dennoch werden wir auf das Vorhandensein von Wölfen aufmerksam gemacht.

In dieser Gegend um Genua herum sind viel schmale Pfade dem Verlegen einer Gaspipeline zum Opfer gefallen.

Ähnliches haben wir auf langen Strecken auf dem Westweg durch den Schwarzwald erlebt, was nicht gerade Begeisterung in uns geweckt hat.

Kuckucks-Lichtnelke

Schopfige Traubenhyazinthe

Für heute war zwar etwas Regen angekündigt. Die Ankündigung in Form von dunklen Wolken sieht nach mehr aus.

Und so kommt es auch. Die letzten zwei Kilometer nach Pietralavezzara erweisen sich als knifflige Wegsuche inklusive illegaler Baustellenquerung und einer heftigen Hagel-Einlage.

Später als geplant erreichen wir dann doch unser Ziel, eine gute ausgestattete Selbstversorgerunterkunft in Pietralavezzara. Kaum zehn Minuten unter Dach, prasselt für circa eine Stunde soviel Hagel vom Himmel, dass Dächer, Straßen und der Garten weiß vor Hagelkörnern werden.

Hier lernen wir Claudio kennen, der die Website altaviainfoh24.com betreibt. Er ist für Fragen zur Alta Via dei Monti Liguri per E-Mail oder unter +393381629347 stets erreichbar. Unter anderem mit Hilfe dieser Informationen habe ich unseren Weg geplant. Die Seite ist zwar kostenpflichtig (10€ pro Jahr), doch sind die Infos jeden Euro auf jeden Fall wert. Danke an Claudio, für die aktuellen und ausführlichen Hinweise. Ich kann abschätzen, was es heißt, eine solche Menge an Informationen stets aktuell zu halten. Respekt!

Tag 10: 16,7 km – / 925 Hm – \ 817 Hm

4 Kommentare

  1. Heidi Wahren
    16. Mai 2026
    Antworten

    Weiterhin viel Kraft in Beinen und Füssen und gute Laune. Liebe Grüße Heidi 🤓

    • 18. Mai 2026
      Antworten

      Liebe Heide,
      prima, dass du uns wieder kontinuierlich und ermutigend begleitet. Danke!

  2. Günter
    17. Mai 2026
    Antworten

    Liebe Lady C und Sherpa Clausing,

    eure detaillierten Berichte und unmittelbaren Eindrücke vom Weg lassen uns eure Reise intensiv miterleben und mitfühlen. Trotz regennasser Schuhe, frierender Nasen sowie mancher Sackgasse im Urwald dichtem Unterholz lasst ihr euch von den Herausforderungen nicht von eurem Ziel abbringen. Das verdient großen Respekt.

    Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft, Ausdauer und Zuversicht — und trotz aller Hindernisse eine erfolgreiche und erfüllende Wanderung.

  3. 18. Mai 2026
    Antworten

    Lieber Günter, ich freue mich, dass unsere Wandererlebnisse bei dir so ankommen, wie ich es mir wünsche, wenn ich diese schreibe und die passenden Bilder auswähle.
    Wir haben zwar eine Idee von einem Ziel, doch wenn wir dort nicht ankommen, haben wir eben ein anderes Ziel erreicht und dabei eine erlebnisreiche Tour gehabt.

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