Tag 52: Samstag, 16. August 2025:
Wir sind im oberen Valle Maira angekommen. Die Umgebung hier kenne ich schon aus zwei anderen Aufenthalten – einmal mit dem MTB und einmal wandernd.
Die nächsten Tage sind wir auf den Percorsi Occitani (okzitanische Wege) unterwegs.
Sie umrunden das Valle Maira in der Höhe. Am Etappenende ist immer eine Wanderherberge mit meist lukullischem Angebot.
Recherche: Occitani = Okzitanien: „Okzitanien ist kein Staat und war es auch nie: Es ist ein kultureller und sprachlicher Raum, dessen gemeinsamer Nenner seit über 1.000 Jahren eine romanische Sprache namens Okzitanisch ist.“ (Quelle wird nachgetragen.)
Das Valle Maira ist eines dieser okzitanischen Täler im Piemont. Außerdem gehört ein großer Teil Südfrankreichs zu diesem Sprach- und Kulturraum.
Steile, oft bewaldete Hänge herrschen im Valle Maira vor.
Viele Häuser sind verfallen und warten auf neue Besitzer, die genug Energie und Finanzmittel für eine Restaurierung haben. Ansonsten werden Ruinen langsam wieder in die Natur aufgenommen und verschwinden.
Zunächst über einsame kleine Sträßchen geht es von Weiler zu Weiler. Dann steigen wir im Schatten des Waldes auf zum Col San Michele.
Dabei darf ich das Farbspiel von Widderchen an alternder Silberdistel bewundern.
Der Wandertag ist kurz und wir schlendern durch eine Allee, die mehr an die Provence erinnert als die Westalpen vermuten lässt, unserem heutigen Ziel zu …
… dem Agriturismo Al Chersogno, …
… einem Etappenziel der Percorsi Occitani.
Wir werden von der Größe des Anwesens überrascht, die sich in Winkeln, Verschachtelungen und verschiedenen Ebenen versteckt.
Ein köstliches Fünf-Gänge-Menü und ein interessanter Austausch mit einem bayerischen Enduro-Fahrer runden diesen sommerlich-leichten Tag ab.
Tag 52: Elva – Allemandi: 10,3 km.- / 593 Hm – \ 684 Hm
Tag 53: Sonntag, 17. August 2025
Der Blick am Morgen in unsere Wanderzukunft: Teils ausgewilderte, teils noch viehwirtschaftlich genutzte Kulturlandschaft.
Es geht durch richtig alte Buchenbestände …
… über asphaltierte Wege von Weiler zu Weiler, die teilweise wiederbelebt werden.
Die Migration der Bevölkerung aus den Alpentälern in die umliegenden Städte, die für die aufblühende Industrie Arbeitskräfte benötigten, betrug in den 50er und 60er Jahren bis zu 90%.
Die Trockenheit, gemischt mit herbstlichen Vorboten, geben der Landschaft etwas Weiches, Südländisches.
Die Käfer in Sträflingskleidung sind noch namentlich zu bestimmen.
Immer wieder eine Bewunderung wert: Jahrhunderte alte Trockenmauerbaukunst.
Gemütlich erreichen wir Ussolo, ein Dorf mit einem Gemisch aus verfallenen und restaurierten Häusern. Wir kommen im Haus La Carlina der Gemeinde Ussolo unter. Marta begrüßt uns. Sie stemmt das Gastgeschenk hier völlig alleine von Ostern bis in den späten Herbst. Erfahrung hat sie im Rifugio Chabot nahe des Gran Paradiso gesammelt.
Das Haus und die Ausstattung sind top gepflegt. Auch das Massenlager (16 Plätze) hat Platz und Stil.
Wir haben noch Zeit für einen Einkauf in Prazzo weiter unten im Tal. 400 Hm und 1,6 km sind es bis dahin. Auf schmalen, alten Wegen durch Buchen- , Birken- und Kastanienwald geht es hinunter nach Prazzo superiore, das farblich heraussticht aus den steingrauen Funktionsbauten der Weiler.
In einem Laden für Alles bekommen wir alles, was wir brauchen. An Ferragosto werden wir durch die überquellenden zentralen Müllcontainer erinnert.
Einhundert Meter weiter spielen zwei Frauen in einer Bar virtuos okzitanische Musik. Audio folgt.
Das wird mein neuer Klingelton.
Mit Brot, Energieriegel, Nüssen, Käse und einigen Eindrücken reicher machen wir uns wieder zurück nach Ussolo.
Für den Einkauf sind wir, nordhessisch übersetzt, 4mal die Herkulestreppen rauf- und runtergelaufen. Das hält fit – auch im Geist, weil man bestimmt nichts vergisst beim Einkauf.
Mit zwei belgischen jungen Leuten und einem wandernden! Italiener lassen wir uns das viergängige Abendessen schmecken.
Tag 53: Allemandi – Ussolo: 13,5 km – / 825 Hm – \ 1054 Hm
Tag 54: Montag, 18. August 2025
Gleich weiter geht es am Morgen mit einem wunderbar eingedeckten Frühstückstisch. Marta ist wirklich eine tolle Gastgeberin auf Augenhöhe.
Immer wieder gerne: Trockenmauerkunsthandwerk: Kraft, Geschick, Improvisation, Erfahrung und etwas Technik.
Es geht durch die sonnigen Südhänge des Valle Maira, deren Trockenheit durch den geringen Regen verstärkt werden.
Steile Weiten, die mich beeindrucken.
Auf ca. 1800 Hm laufen wir dem Talschluss entgegen.
Wer legt den Piemontrindern jeden Morgen frischen Kajal auf?
Wer kennt dieses in Symbiose auf Sträuchern lebende Gewächs?
Zwar tot, aber noch farbenfroh.
Die Bewölkung nimmt zu. Die Landschaft wirkt dadurch etwas mystisch.
An unserem Ziel stehen wir plötzlich vor diesem Koloss: Rocca Croce Provenciale (2402 Hm).
Das Rifugio Campo Base (1650 Hm) ist eine restaurierte Kaserne, die sowohl Kletternde, Wandernde (besonders Franzosen) und Campende (Zelt, Camper, Wohnmobilheime) anzieht.
Das Rifugio ist voll, die Musik rockig, die Stimmung locker, das Essen klasse!
Tag 54: Ussolo – Campo Base: 16,6 km – / 1049 Hm – \ 730 Hm
Tag 55: Dienstag, 19. August 2025
Die Wetterprognose und das Wetter haben sich geändert. Regen ist angekündigt. Wir planen unseren Plan um und bleiben auf dem niedrig gelegenen Percorso Occitano – solange das Wetter unbeständig und feucht bleiben soll.
Ein Blick zurück auf den mächtigen Rocca Croce Provenciale.
Das Quellgebiet der Maira fasziniert durch viele kleine Quellen.
An der Hauptquelle der Maira kann man sein Zelt auf einer wunderbar gelegenen Ebene aufstellen und das Leben genießen.
Kurz vor Ende der heutigen Etappe trübt das Wetter ein und es beginnt zu regnen.
Zum Glück erreichen wir die Osteria della Gardetta …
… in Chialvetta noch rechtzeitig bevor der große Regen am Nachmittag einsetzt.
Hier wird Wert auf okzitanische Kultur gelegt. Der Gastwirt, Rolando, lässt es entspannt angehen und legt wenig Wert auf Optimierung bzw. Maximierung (Gästezahl, Umsatz, Gewinn) sondern auf EigenArtigkeit und Qualität.
Am Abend werden wir phantastisch bekocht, z.B. als Primo Pasta in einer Sahne-Käse-Sauce mit Brokkoli aus eigenem Garten.
Als Betthupferl wird uns ein warmer, selbstgemachter Genepy, hergestellt aus ähriger Edelraute, spendiert. Köstlich.
Tag 55: Campo Base – Chialvetta: 14,1 km – / 718 Hm – \ 874 Hm
Tag 56: Mittwoch, 20. August 2025:
Hier ist der Percorso Occitano identisch mit der GTA und der Via Alpina ‚blau‘. Obwohl ein Kontenpunkt von wirklich bekannten Wegen, hält sich die Anzahl der Wandernden in engen Grenzen. In dieser Nacht hatte Rolando sechs Gäste.
Bevor wir uns auf den Weg machen, bekommen wir zum Frühstück Zucchini-Apfel-Marmelade (mit Zucker, Zitrone, Zimt)! Herrlich und nicht so süß.
Wird versucht, zu Hause nachzumachen.
Hinauf geht es von Chialvetta nach Pratorotondo durch eine Halbseitenallee, die zum Schlendern einladen würde, wenn diese Regenankündigung nicht wäre …
Im weiteren Verlauf des Aufstiegs zum Passo della Gardetta passieren wir magische Landschaften, …
… und gruselige Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg.
Diese Landschaften beeindrucken mich zutiefst in Form und Farben.
Am Passo della Gardetta (2437 Hm) bekommen wir den nächsten Augenschmaus geschenkt. Die Gardetta-Hochebene.
Hier wird zwar verständlicherweise Viehzucht betrieben und im vergangenen Jahrhundert zu Mussolinis Zeiten wurden Militärwege (Schotter) gebaut. Trotz aller Eingriffe ist die karge Weichheit der Landschaft erhalten geblieben.
In der Mitte liegt das Rifugio Gardetta (2335 Hm), das völlig erneuert und erweitert wurde, seit ich im 2017 zum letzten Mal hier war.
Wir besichtigen eins der sechs neuen Blechzelte, die zur Vermietung insbesondere zu Ferragosto aufgestellt wurden.
Ausgestattet mit Matratzen, Bettzeug und Elektrizität bieten sie recht hohen Komfort.
Dann setzt wie gestern ein heftiger Nachmittagsregen nebst kräftigem Wind ein und wir sind froh, dass wir ein größeres Dach über dem Kopf haben.
Eine große französische Gruppe, ausgestattet mit Musikinstrumenten, erreicht auch gerade noch vor dem Regen das Rifugio.
Und gleich geht es los mit okzitanischen Liedern und Musikstücken.
Die Gruppe singt und tanzt ganz unbeschwert im Aufenthaltsraum, so dass alle anderen beschwingt mitmachen oder applaudieren.
Auch ein okzitanischer Männergesang wird angestimmt und regt zum Mitmachen an.
Erst das Abendessen stoppt das Musizieren.
Als Primo gibt es die Zutatenkomposition ‚Gnocchi alla romana‘. Wird unbedingt zu Hause nachgekocht.
Igendwie hat sich wie bisher fast alles gut ergeben: Wir sind trockenen Fußes hier angekommen, haben einen musikalischen und geselligen Nachmittag erlebt und wurden von der Küche köstlich versorgt. Mehr braucht es wirklich nicht.
Tag 56: Chialvetta – Rifugio Gardetta: 7,5 km – / 956 Hm – \ 103 Hm




























































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