Rheinsteig Nord

„Das Draußen unter freiem Himmel ruft. Wozu? Das verrät es nicht. Man muss es durchqueren, um es zu entdecken. Immer wieder neu.“

(Pascal Bruckner: „Die Abenteuer der Langsamkeit“,  in Philosophie-Magazin, Sonderausgabe 10: Wandern)

Und so machen wir uns wieder auf zum Rheinsteig. Diesmal zum nördlichen Teil von Bonn nach Niederlahnstein. Die Bahn bringt mich von Kassel nach Bonn.

Nun denn:


Take a Walk on the Rheinsteig – Teil 2

Tag 1:

Heute starten wir zu dritt. Lady M., eine Freundin von Lady C. schließt sich uns für zwei Tage an. Wir nutzen den Bonner ÖPNV bis Ramersdorf um die Asphaltlatscherei durch Bonn und am Rheinufer zu vermeiden. Eine Waldparkschlenderung oberhalb von Oberkassel, Römlinghoven und Oberdollendorf lässt genügend Zeit und Muße, um Alt- und Neuigkeiten auszutauschen. Bei Königswinter kreuzen wir im Nachtigallental die Route unserer Deutschlandrunde.

Ausblick auf zubetoniertes, durchdesigntes Drachenfelsplateau und Rheintal

Am Drachenfels pausieren wir bei Bier, beschaffen Trinkwasser und füllen Wein ab für unser Abendmahl. Auf endlich mal abwechslungsreichen Pfaden schlängeln wir weiter zu den Breibergen oberhalb von Bad Honnef.

Breiberg-Hütte

Die gleichnamige Breiberg-Hütte bietet uns für die heutige Nacht Unterschlupf. Ich koche mal wieder mein derzeitiges LieblingsDraussenSeinEssen: Steinpilzrisotto. Vor dem Einschlafen dürfen wir noch an einem RehBellenKonzert teilhaben.

Tag 1: 21,5 km – /942Hm – \726Hm

Tag 2:

Kaffee und Tee am Morgen …

typische RheinsteigAussicht gen Westen

Auf mäßig schönen Wegen laufen wir zunächst bis Erpel, wo wir spätnachmittags am Bahnhof Lady M. verabschieden.

Sicht von der Erpeler Ley ins Rheintal

Über die Erpeler Ley, einem säuligen Basaltfels mit toller Aussicht geht es weiter. Die hier für die Nacht ausgewählte Schutzhütte erweist sich als dreckig und daher nicht einladend. Danach übergießen die ersten kräftigen Regenschauer die Natur inkl. uns.

Auch hier wehrt sich die Natur gegen einseitig ökonomisch orientierte Forstwirtschaft durch Absterben ganzer Fichtenbestände.

Es geht durch Kasbach, danach zwischen Rhein und Ockenfels entlang. Am Abend – es ist schon nach 20 Uhr – erreichen wir Linz am Rhein und kommen in der Burgklause unter, einem Hotel, in dem die Freundlichkeit der Mitarbeiterin im umgekehrten Verhältnis zur Sauberkeit der Fußböden steht. Aber da wir nicht vom Fußboden essen wollen, macht uns das wenig aus.

Tag 2: 27,2 km – /865Hm – \1.074Hm

Tag 3:

Ab Linz kommen die ersten längeren schönen Etappenabschnitte mit schmalen, naturnahen Pfaden.

Gleichzeitig regnet es sich ab Mittag so ein, dass die Schuhe durchweichen und sich alle Schwachstellen der eingesetzten Regenkleidung offenbaren. Unser Stimmungsprofil verändert sich passend zum dunkel-nassen Wetter. Beides wird uns noch tagelang begleiten.

In Hammerstein kommen wir im Weingut Emmel unter, obwohl die Gastronomie heute Ruhetag hat. In der Gaststube hören wir Hausmusik auf der Feenharfe und genießen den „Monz“, einen hauseigenen Riesling.

Tag 3: 22,8 km – /866Hm – \865Hm

Tag 4:

Mit noch feuchten Schuhen starten wir. Schon am Vormittag beginnt es erneut kräftig zu regnen und mit Unterbrechungen macht es durch bis zum Abend.

Gut erläutert wurde auf einer Infotafel die Veränderung der Landschaft rund um Leubsdorf. Einerseits wurde der kleinteilige Acker- und Weinbau weniger, andererseits vergrößert sich die Siedlungs- und Industriefläche. Wie wird es weiter gehen?

Sowohl der Regen als auch meine Stimmung schränken meine Außenwahrnehmung ein. Ich fotografiere nicht mehr und laufe einfach nur noch den Rheinsteig ab. Manchmal sind schöne Passagen dabei.

grüner Tunnel Rheinsteig

Jetzt, im Juni sind Bäume und Büsche begrünt und begrenzen die Sicht. Ich laufe wie durch einen grünen Tunnel.

Immer wieder schauert es mächtig herunter und duscht uns, – bis wir das Hotel Waldterrassen in Rengsdorf erreichen. Unsere Schuhe werden von der Chefin persönlich mit Luftdruck gereinigt. Sie ist erfahrene Betreiberin einer Herberge für RheinsteigWandernde. Erst dann dürfen wir ins Haus. Bier und Wein machen uns bettschwer.

Tag 4: 25,2 km – /931Hm – \692Hm

Tag 5:

Das Wetter ist schon besser, die Stimmung noch nicht. Wir ziehen weiter durch Wald und Flur. Der Weg führt oberhalb der Neuwiedschen Ebene durch leicht angewildete Siedlungsrandgebiete. So ganz wirklich nehme ich nichts wahr. Den Abend vertreiben wir im Bendorwer-Lusthäisje. Es gibt HirseGemüseZiegenfrischkäseEintopf. Zum späten Abend hin bellen uns die Rehe in den Schlaf.

Tag 5: 21,2 km – /600Hm – \716Hm

Tag 6:

Das DraußenFrühstück tut gut. Wir begrüßen die Sonne auf schottrigen Wiesenwegen.

Da wir weiterhin knapp oberhalb der rheinischen Siedlungsgebiete entlanglaufen, was nicht sehr abwechslungsreich ist, …

… nehme ich mal die unterschiedliche Arten des Schotters wahr, auf denen sich meine Schuhe bewegen.

In der einzig übrig gebliebenen Bäckerei der Takko-Tedi-Altstadt von Valendar kaufen wir Rosinen-und Schokobrot.

Der morbide Charme der ehemals lebendigen Fußgängerzone hat eine gewisse Anziehungskraft.

Noch 9 nicht prickelnde Kilometer bis Koblenz. Hier tröstet uns ein leicht angewildeter Schlussabstieg und eine Fährenübersetzung auf dem Rhein.

Verschwitzt erreichen wir am Nachmittag unsere Cityherberge in Koblenz und genießen Schatten, Dusche und Nickerchen bevor wir ins Abendleben eintauchen. In einem Biergarten am Deutschen Eck, wo die Mosel sich in den Rhein ergießt, füllen wir unsere internen Flüssigkeitsspeicher auf angenehme Weise wieder auf.

Tag 6: 17,0 km – /387Hm – \502Hm

Tag 7:

Wieder zu dritt. Lady L., eine weitere Freundin von Lady C., stößt in Koblenz zu uns.

Nach einer Fährübersetzung laufen wir bis Pfaffendorf entspannt am Rheinufer entlang …

… und finden Reste von Fahrrädern, die der Rhein nur teilweise verdaut wieder hergegeben hat.

Die Werkstatt und Ausstellung der Metzgalerie in Pfaffendorf fasziniert uns wegen ihrer Mixtur von Fleischerei- und Kunsthandwerk.

Fingerhüte sind eine der ersten für Menschen gut sichtbaren Pflanzen, die auf Windbruchflächen wachsen. Lässt man der Natur ihren Lauf, kommen Gräser, Brom- und Vogelbeere sowie Birken dazu. Eine ziemlich stabile und wilde Pflanzengesellschaft.

Kleiner Eisvogel

Eine für mich bisher unbekannter Schmetterling (Kleiner Eisvogel) flattert fotogen vor uns her.

Auf unserem letzten Abschnitt auf dem Rheinsteig werden wir von Sonne und Wärme begleitet. Es ist Sonntag und demnach sind mehr wandernde Menschen unterwegs.

Die Ruppertsklamm bietet noch ein kleines Hochlicht vor dem Etappenende. Der Weg führt durch eine ständig feuchte, durch Drahtseile und Stufen gut begehbar gemachte Schlucht.

BiergartenSchotter

Beim Selbstbelohnungsbier im hübsch gelegenen Wirtshaus an der Lahn gelingt mir noch ein BiergartenSchotter-Schnappschuss. Echt Glück gehabt.

Tag 7: 19,0 km – /435Hm – \433Hm

Die anschließende Zugfahrt von Niederlahnstein nach Kassel kann ich wegen des von vielen Menschen genutzten 9-Euro-Tickets in vollen Zügen genießen.

Summe: 154 km – /5.026Hm – \5.006Hm

Zusammenfassung:

  • Der Rheinsteig bietet für Mittelgebirgsverhältnisse eine beachtliche Höhenmeterzahl pro Kilometer.
  • Auf der offiziellen RheinsteigSite wird der Weg recht marketingmäßig beschrieben, bei Wikipedia etwas sachlicher. Einen gpx-track kann man bei waymarkedtrails herunterladen.
  • Ich finde den südlichen Teil des Rheinsteigs von Niederlahnstein bis Assmannshausen am abwechslungsreichsten. Im nördlichen Teil wird man häufig oberhalb von Siedlungen durch die Naherholungsgebiete geführt, was nicht gerade anregend ist.
  • Die Regenausstattung kann noch optimiert werden:
    • Damit der Regen nicht von der Regenhose direkt in die Schuhe läuft, sind ein paar Gamaschen ratsam.
    • Um zu verhindern, dass der Regen zwischen Regenjacke und Rucksack nicht im Rucksack oder in der Hose versickert, kann man einen Regenponcho nutzen.
    • Es ist besser, länger schon im Einsatz befindliche Regenkleidung in regelmäßigen Abständen nachzuimprägnieren.
  • Als Trainings- und Teststrecke für alpine Bergwandervorhaben ist der Rheinsteig gut geeignet, obwohl mich auch hier der hohe Anteil an geschotterten Wege nervt.
  • Jetzt reicht es mir mit den Trainings- und Testtouren. Ich freue mich auf die Fortführung der Alpenwanderung im Juli und August dieses Jahres.

2 Kommentare

  1. Olli (OF)
    15. Juni 2022
    Antworten

    Ich genieße Deine prägnante so schön subjektive „Schreibe“, die mir launiger zu werden scheint. Danke, Klaus!

    • 15. Juni 2022
      Antworten

      Hi Olli,
      ja, du hast meine (auch) misslaunigen Zwischentöne gut wahrgenommen. Beim Schreiben und Bebildern versuche ich die Stimmung und Eindrücke widerzugeben, die ich beim Wandern hatte. Da freu ich mich doch, dass mir das gelungen scheint. Danke.

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