Rothaarsteig im November

Über den Rothaarsteig gibt es im Internet gefühlt schon eine Million Reiseberichte. Hier ein Versuch mich auf meine persönlichen Eindrücke und Erkenntnisse zu reduzieren. Eigentlich geht der Rothaarsteig von Brilon-Stadt nach Dillenburg. Ich habe am Anfang etwas geschummelt.

Mit der Bahn bin ich bis Brilon-Wald gefahren und begann dort mit dem Zustieg zum Rothaarsteig. Ansonsten hätte ich auf den Bus nach Brilon-Stadt eine gute Stunde warten müssen. Dafür war ich mit zuviel Energie und Wanderlust geladen, so dass ich gleich in Brilon-Wald startete. 

Das Wetter war mit kalt und Schnee angekündigt, was auch den Tatsachen entsprach. Ein SchneeRegenGemisch begleitete mich die erste Zeit. Aber ich wollte ja ausprobieren wie es mir damit geht. 

Und so sah es in den nächsten Tagetappen meistens aus: Schnee in Mengen vom Himmel und auf dem Boden, Nebel wie Watte und meist so gut (über)ausgeschildert, dass ich nur selten stehen blieb, um mich zu orientieren.

Selbst auf der Hochheide, einem sehr beliebten Ausflugsziel war ich allein unterwegs. Keine Menschenseele weit und breit, anstelle dessen in großen Mengen Spuren von Tieren, die sich kalte Pfoten geholt haben. Eine mystische bis melancholische Stimmung machte sich in mir breit.

Bis hinter Winterberg, dass sich noch im Ruhezustand vor dem großen niederländischen Ski-Ansturm befand, ging es nur durch weiße Winterlandschaft. Solch ein Erlebnis hatte ich schon lange nicht mehr in unseren Mittelgebirgen.

Es wurde schon dunkel, als ich nach 36 km einen Unterstand fand, der zum Übernachten geeignet war. Dieser lag zwar in der Nähe eines Parkplatzes und einer Schneekanone, doch war mir Aussicht und Atmosphäre zu diesem Zeitpunkt egal. Laufen. Essen. Trinken. Schlafen. Darum ging es jetzt.

Mein VierJahreszeitenSchlafsack hat sich bei ca. minus vier Grad bewährt. Bisher waren es nur EineNachtTests in der Nähe von zu Hause, bei denen ich gute Erfahrungen gemacht habe. Auch die Art und Menge der Kleidung passte gut, genauso wie die Auswahl von Essen und Trinken. Der Rucksack wog mit allem Drum und Dran 14,5 kg. Damit kam ich gut zurecht.

Zu Beginn des nächsten Tages kniff der Rucksack etwas in den Schultern, doch das verging mit der Zeit. Wieder lief ich wie in Watte eingehüllt.

Ich war dankbar, dass ich heute nicht so schnell unterwegs war und daher genug Zeit für die Orientierung hatte. Die Ausschilderung zeigte bei dem dichten Nebel außerhalb des Waldes auch ihre Grenzen auf. Zusätzlich schneite es noch an diesem Tag häufig. Von allem ging ein gewisser, manchmal unheimlicher, Zauber aus.

Am „Potsdamer Platz“ fand ich um 18 Uhr in der Dämmerung nach 28,5 km eine wirklich wunderbare Schutzhütte. Es kam mir vor wie die Krippe beim Weihnachtsfest. Der Boden bestand aus Rindenmulch. Besser geht’s nicht.

 Ich richtete mich häuslich ein. Etwas Warmes zu Essen und Trinken waren das Primäre. Mein „Spirituskocher“ leistete gute Dienste. Nur dauerte das Anzünden wegen der Kälte etwas länger.

In alle Kleidungsstücke eingemummelt und den Schlafsack als Zudecke genommen saß ich auf meinem „Tarp“ (eine Plane aus dem Baumarkt) und las in meinem Buch (aus richtigem Papier!). Ich hatte die Zeit zwischen Ankunft und dem zu Bett gehen gut genutzt. Abschließend richtete ich mein Nachtlager ein.

Mein Schlaf war etwas unruhig, insbesondere in den ersten zwei Stunden. Ich vermute, dass meine Körperwärme und meine Iso-Luftmatratze zusammen in diesen Stunden gegen die Bodenwärme gekämpft haben: Gewonnen. Am nächsten Morgen wollte ich zunächst gar nicht aufstehen, so kuschelig war es im Schlafsack.

Doch dann sah ich aus der Hütte und entdeckte mindestens 10cm Neuschnee, vollkommen unberührt, vollkommen still. Für mich ein ganz besonderes Erlebnis.

Also aufstehen, Kaffee kochen, Frühstücken,Wanderklamotten wieder an, alles zusammenpacken (nichts vergessen!) und los geht’s wieder.

Und noch ein dankbarer Blick zurück …

Es ging durch Winterlandschaften, die schon fast kitschig künstlich anmuteten.

Die Markierungen des Rothaarsteiges waren an der Wetterseite schwer zu entdecken, waren aber ausreichend um sich zu orientieren.

Die Buchen besaßen noch zum großen Teil ihre bunte Blätterpracht. Jetzt mussten sie sich mit dem Schnee, der auf ihnen lastete zurecht kommen. Jungbuchenbestände, deren Stämmchen und Zweige sich bis auf den Boden neigten, versperrten mir manchmal den Weg, so dass ich nur noch seitwärts in den dichten Fichtenbestand ausweichen konnte. Auch hier war es ein hartes Stück Arbeit, diese ca. 500m lange Strecke mit gebeugten Jungbuchen zu umgehen.

Unter diesen Schneebedingungen waren nicht mehr als gut 22 km Tagesetappe drin. Leicht erschöpft fand ich zwar den anvisierten Unterstand, jedoch behagte er mir nicht: feucht, zugig, groß und in der Nähe der Straße. Zum Kochen meines vorgezogenen Abendessens genügte der Unterstand jedoch. Es gab eine doppelte Portion Spaghetti in Schinken-Sahne-Soße aus der Tüte. Und hier ist mein Spirituskocher im Einsatz. Er besteht lediglich aus zwei Teilen einer Schlossbräu-Bierdose vom netto-Markt (stärkeres Alu als andere Dosen), die aufgeschnitten und besonders geformt sind: 20 Gramm!

Nach diesem doch etwas enttäuschenden Unterstand meinte es mein innerer Schweinehund gut mit mir und lud mich ein, heute mal in einem Gasthof einzukehren. Ich nahm die Einladung wohlwollend an. Nach längerer Suche fand ich in Lützel das Gillerbergberghotel. Es wird von Exil-Ruhrpottlern geführt, was mir wg. meiner ursprünglichen Herkunft sehr recht war. Die Echtheit, Offenheit und Herzlichkeit kam mir gerade recht. Ein bisschen bemuttert aß ich seit Jahren mal wieder eine „Mantaplatte“ (Currywurst, Pommes und Alibi-Salat). Dazu zwei Bierkes und ein Schnäppsken. Der Abend war gerettet. Ein normales Bett und eine abendliche Dusche ließen mich tief und fest schlafen. Am Morgen noch zwei Käffkes und dann ging’s weiter.

 

Es taute. Ich sah den Rothaarsteig mal nicht nur schwarz/weiß sondern auch in Farbe.

 

Meine Schuhe wurden einem echten Härtetest ausgesetzt: Ständig durch Schneematsch, Wasserlachen und Schlamm. Meine Schuhe blieben von innen trocken! Dankbar bin ich mir selbst für die Kurzgamaschen, die ich noch kurz vor dieser Wanderung besorgt habe. In den Wandertagen waren meine Hosenbeine stets trocken, so dass ich sie am nächsten Morgen wieder ohne unangenehmes Nässegefühl anziehen konnte.

An der Dillquelle vorbei, wo mich eine nette Schutzhütte zur Übernachtung anlachte, schlammwegte ich doch noch weiter zur Tiefenrother Höhe. Nach 32,5 km erreichte ich einen wunderbaren Aussichtspunkt mit zwei für den Rothaarsteig typischen Liegesesseln. Ziemlich wählerisch suchte ich in der Dämmerung nach dem optimalen Lagerplatz, – und fand ihn nicht.

Also nahm ich mit der Aussichtsplattform vorlieb, ungeachtet dessen, dass es dort zugig und kälter sein würde als im Wald. Doch dieser war mir noch wegen Schneerutsch und Astbruch von den Bäumen zu risikoreich. Mit Essen, Trinken, Lesen bereitete ich mich bei minus 4 Grad auf die Nacht vor. Auch hier wieder der gleiche Effekt: Der Schlafsack ist gut und der Kampf zwischen Bodenkälte und Körper- und Mattenwärme wurde nach langem Tauziehen doch wieder von der Wärme gewonnen.

 

Am nächsten Morgen bekam ich frisch ein paar neue Erkenntnisse:

  • Ein heißes Getränk am Morgen ist nur dann möglich, wenn das Trinkwasser in der Nacht nicht gefroren ist -> erst loslaufen und dabei das Eis in der Nähe des Körpers schmelzen. Man läuft sich dabei warm und friert nicht so schnell beim späteren Frühstück mit heißem Kaffee (die Vorfreude dauert länger).
  • Auch wenn die Wanderschuhe von innen trocken sind, wird das Wasser außen an den Schuhen zu Eis, so dass man sie nicht direkt anziehen kann. Das „Aufmachen“ des Schuhs und das Herausziehen der Zunge sind einfach nicht möglich, weil der Schuh so starr ist wie ein Skischuh. -> Ein bisschen Aufwärmen am Körper hat genügt (ich hab‘ sie unter die Achseln geklemmt).

Nun nahm die Tour leider ein jähes Ende:

Nachdem ich alles gepackt habe, gehe ich immer die Wichtigsten Dinge durch, die ich nicht vergessen darf. Darunter fällt auch mein Geldbeutel mit allem, was heute dazugehört. Kurz und gut: Er war nicht auffindbar.

Den Rest nur noch in Stichworten:

So leid es mir tut, hatte ich jedoch Glück im Unglück: Meine Papiere, Karten und ein bisschen Geld waren nicht verloren und ein wirklich guter Freund half mir mit zweimal 2,5 Std. Autofahrt aus der Patsche. 

Den Geldbeutel hatte ich im Gillerberghotel vergessen. Da stand ich ohne Geld, Papiere und Fahrkarte. Ich bat einen Freund mich mit dem Auto im nächsten Dorf abzuholen. Beim Gillerberghotel holten wir die Wertsachen und fuhren nach Hause.

So bin ich die letzte Etappe von der Tiefenrother Höhe nach Dillenburg nicht gegangen.

Gut das es beste Freunde gibt. Danke.

Zum Abschluss meine ungeordneten Erkenntnisse aus dieser Tour:

  • Bei einer Winterwanderung mit Schnee sind ca. 25 km ausreichend.
  • mehrfach gut gewachste Lederschuhe mit Goretex-Membran innen bleiben auch bei großer Nässe trocken.
  • ich werde meine Kurzgamaschen immer dabei haben (sie helfen angeblich auch gegen Zeckenbefall)
  • Meine Papiere und das Geld kommen in den Erste-Hilfe-Beutel. Zum einen ist er rot und zum anderen habe ich dann einen Gegenstand weniger (den Geldbeutel), den ich verlieren kann.
  • Mein PlastikGabelLöffel ist zerbrochen -> ich kaufe mir einen aus Metall.
  • Um die Bodenkälte zu reduzieren kaufe ich mir eine Iso-Luftmatratze, die für den Winter geeignet ist (R-Wert > 5).
  • Der aus der Bierdose hergestellte Spirituskocher ist super.
  • Ich brauche noch eine leichte Tasse, damit Trinken und Essen gleichzeitig möglich ist. Außerdem kann damit die Flamme des Kochers erstickt werden (weniger Spiritusverbrauch).
  • Ein kleiner, leichter Putzlappen zum Auswischen des Topfes ist hilfreich.
  • Bei Wanderungen mit Übernachtung im Freien macht es in der Winterzeit Sinn, so lange wie möglich zu gehen. Man kühlt nicht so schnell aus und die Zeit zwischen Lagerbau, Essen, Trinken und dem Schlafengehen ist nicht so lang.
  • Die im Supermarkt angebotenen Fertigessen in der Tüte schmecken ganz gut und machen satt.
  • Mein 4-Jahreszeiten-Schlafsack hält warm und ich fühle mich darin wohl.
  • Die guten alten Hartkekse von der Bundeswehr sind ein Zwischending zwischen Brot und Plätzchen und haben ein gutes Gewichts/Kalorien-Verhältnis.
  • Nüsse und Schokolade sind auch sehr effizient und bringen Abwechslung ins Essen.
  • Mit einem Tarp hat man mehr Möglichkeiten des Aufbaus als bei einem Zelt.
  • Beim Wandern habe ich immer so wenig wie möglich „Zwiebelschichten“ angezogen:
  • Man schwitzt nur noch durch die Bewegung und nicht weil man zu viel angezogen hat 
  • für die Pausen oder den Abend bleiben mehr Sachen trocken
  • Wanderstöcke sind hilfreich, um im Rhytmus zu bleiben und bergauf gleichbleibend zu laufen. Auf Strecken, die bergab gehen oder auf Asphalt benutze ich die Stöcke nicht, – denn eigentlich bin ich kein Freund von Wanderstöcken.

2 Kommentare

  1. 10. August 2021
    Antworten

    …eigentlich bin ich eben zugegebenermaßen eher zufällig über diesen Beitrag „gestolpert“.., Ich kenne den Rothaarsteig wohnortbedingt als Sauerländer sehr gut und bin bereits häufiger mal auf ihm unterwegs gewesen. Allerdings noch nicht im Winter. Herzlichen Dank für den tollen und lebendigen Einblick in Deine Tour!

    • 11. August 2021
      Antworten

      Hallo Thomas,
      Vielen Dank für die „Blumen“.
      Das ist zwar schon lange her, doch habe ich die Tour noch in intensiver Erinnerung, weil ich auf ihr so viel gelernt habe. Außerdem war der Rothaarsteig im Winter einfach ein tolles Erlebnis.
      Auf deinen Blog schaue ich auch noch mal.

      Grüße aus dem derzeit sehr heißen Albanien.
      Klaus

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