Tour d’Ambin

Tag 32: Sonntag, 27. Juli 2025:

Genug der Pause. Das Hotel Napoleon ist eine gute Adresse, um alles aufzufrischen. Es hat sogar Waschmaschine und Trockner!

Die Wanderung durch das Val Susa (12km) wollen wir uns ersparen. Leider fährt heute kein Bus. Wir versuchen es mit Autostop, was sofort erfolgreich ist. Ein italienisches Paar, auch bergbegeistert, nimmt uns bis zum Einstieg des Aufstiegs in der Nähe von Exilles mit.

Wir steigen durch Wald und wilde Wiesen auf, kommen an kunstvollem TrockenMauerwerk vorbei, …

… und genießen Himbeeren und Walderdbeeren vom Wegesrand.

Combes ist ein verschlafener Weiler, der aus der Zeit gefallen scheint. Kein Mensch weit und breit.

Unsere Tour ist heute kurz. Lady C. hat Zeit, ihre maltraitierten Füße im Gebirgsbach über 15 Minuten zu kühlen. Mir würden sie schon nach kürzester Zeit weh tun.

Schließlich erreichen wir das Rifugio Levi Molinari, das traumhaft gelegen und von 3000er-Bergen umgeben ist.

Die Berghütte des CAI Turin ist ein familienfreundliches Ausflugsziel und ein beliebtes Boulder- und Kletter-Eldorado. Es wird umgeben von idyllischen Liegewiesen, die von kleinen Bächen durchzogen und von jungen italienischen Familien belagert werden.

Mehr als 100 Besucher verteilen sich an diesem Sonntag um die Hütte, so dass man von ihnen nicht viel mitbekommt. Am frühen Abend gehen fast alle wieder hinunter zu ihren Autos und fahren nach Hause. Lady C., ein Freiburger und ich bleiben als einzige zur Übernachtung.

Wir haben den Start unserer Tour d’Ambin erreicht und lassen den Rest des Tages bei Jazzmusik aus der Retorte an uns vorbeiziehen.

Tag 32: Exilles – Rifugio Molinari: 5,7 km – / 778 Hm – \ 22 Hm


Tag 33: 28. Juli 2025:

Es windet. Aus unserem Kammerfenster sehen wir, wie sich die Äste an den Bäumen biegen. Zum Glück liegt das Rifugio Molinari in einer Senke.

Wir verabschieden uns von dieser familien-, boulder- und kletterfreundlichen Hüttenatmosphäre.

Der Aufstieg zum Colle Clopaca ist meditativ und eigentlich langweilig – wenn da die tolle Umgebung nicht wäre.

Wieder treffen wir auf Steinböcke …

… und einen Geier sehen wir über uns seine Kreise ziehen. Leider konnte ich kein Foto von ihm machen. 

Kurz vor unserem Ziel passieren wir das Bivacco Sibille, von dem aus eine tolle Aussicht auf das Val Susa und ganz weit hinten auf die Großstadt Turin möglich ist.

Der Wind ist stark und kühlt uns aus, obwohl die Sonne scheint. Es hat 7°. Lady C. schreitet stramm und entschieden auf das Rifugio Vaccarone (2737 Hm) zu – wahrscheinlich um sich aufzuwärmen. 

Es ist eine kleine Hütte, die Hüttenwart Andrea auf sehr persönliche Art führt. Mit nur einer Heli-Lieferung bestreitet er die Saison. Den ständig fehlenden Nachschub holen er oder seine Mitarbeitenden im Tal via Auto und einer vierstündigen Transportwanderung mit schwerem Rucksack (20-25 kg) hier hinauf. 

Mit uns sind heute zwei Niederländer und fünf Italiener die Gäste. Es gibt heute Abend Pizzoccheri – und das obwohl wir uns im Piemont befinden und nicht in der Lombardei, der Heimat dieser mächtigen Köstlichkeit. Aus Mangel an Wirsing ersetzt Andrea ihn einfach durch Rotkohl. Schmeckt auch gut.

Die ‚Blaue Stunde‘ am Abend kurz nach dem Sonnenuntergang bietet immer wieder ein fotografisch interessantes Farbspiel.

In der Nacht hat man von hier oben eine gute Übersicht auf das Lichtermeer von Turin, das weit in der Ferne die Ebene ausfüllt. Bei starkem Wind und 2° wird das Foto nur sehr zappelig. 

Das Sternenmeer am Himmel in dieser sternenklaren Nacht ist soviel beeindruckender – zumindest kann ich es in meiner Erinnerung behalten. Das Rifugio Vaccarone ist ein 1000-Sterne-Hotel.

Tag 33: Rif. Molonari – Rif. Vaccaroni: 8,3 km – / 1065 Hm – \ 171 Hm


Tag 34: Dienstag, 29. Juli 2025:

Der Wind ist weniger geworden. Von Jon und Eta, den Niederländern, lassen wir uns inspirieren und ändern etwas unsere heutige Route. Es geht über einen Steilabstieg …

… in einen wunderbaren Talkessel.

Nach einem kleinen Schneefeld und einer Bachüberquerung geht es hinauf zum Col Clapier (2479 Hm), wo wir ein fast neues Bivacco vorfinden. 

Acht junge Menschen (4xPolen, 4xItalien) haben hier übernachtet und leben beim Bergwandern ihre völlige Freiheit aus: sie wissen noch nicht, wohin sie heute gehen wollen und führen auch keine Landkarte (auf Papier oder digital) mit sich.

Steinböcke tummeln sich so nah und vertraulich um das Bivacco, dass wir sie fast berühren können.

Das schon fast luxuriöse Bivacco ist mit einem großen Panoramafenster ausgestattet, was den Blick auf das Vanoise freigibt.

Den Nationalpark Vanoise haben wir bereits im letzten Jahr durchstreift. Erinnerung werden wach.

Ohne jede Kontrolle überqueren wir die Grenze zwischen Italien und Frankreich. Voilà. Nous sommes en France!

Wir spazieren durch das sonnige Hochtal Vallon de Savine, entlang am gleichnamigen Bach, der mit seinen glasklaren Gumpen und Kaskaden zum Verweilen einlädt.

Es ist zu windig und daher zu kühl.

Auch der Lac Perrin lädt zum Pausieren ein. 

Wir lehnen dankend und fröstelnd in Handschuhen und mit Mützen bewehrt ab.

Ein weiteres, sehr weites Hochtal nimmt uns auf. Es herrscht Alpwirtschaft vor – inmitten von diversen ‚Forts‘, die von militärischer Vergangenheit zeugen. Aus welcher Zeit diese Forts stammen, ist mir derzeit noch nicht klar.

Wir gelangen auf Almwiesenwegen zum Refuge Petit Mont Cenis.

Innen ist es gemütlich …

… und auf der Terrasse warm.

Mit Jon und Eta trinken wir Rotwein und genießen das Leben.

Nach dem köstlichen Abendessen mit abschließendem Käse …

… wird uns eine LED-Lampe in die Hand gedrückt, weil in der Nacht im ganzen Haus der Strom abgeschaltet wird.

Tag 34: Rif. Vaccarone – Ref. Petit Mont Cenis: 10,5 km – / 234 Hm – \ 850 Hm


Tag 35: Mittwoch, 30. Juli 2025: 

Mit Jon und Eta steigen wir gemeinsam ab ins Vallon d’Ambin, wo sich unsere Wege trennen. Doch zuvor können wir genau an diesem ‚Telephome‘ Kontakt zur Außenwelt pflegen, …

… was Lady C. mit Freuden macht.

Wir haben heute genügend Muße für ein kühlendes Fußbad im Ruisseau d’Ambin.

Der weitere Aufstieg ins hintere Vallon D’Ambin führt uns zunächst an gut genutzten Parkplätzen vorbei. Erst im hinteren Tal wird der Weg wieder schön – inklusive toller Sicht auf einzelne Berge.

Ziemlich gut getarnt auf einer Anhöhe finden wir das kleine Refuge d’Ambin. Mit 30 Gästen ist es voll belegt.

Die Hütte, bewartet von zwei Frauen, bietet einfachste Ausstattung inkl. Außentoilette.

Die Körperwärme der Gäste heizt sowohl den Gastraum als auch die beiden Bettenräume ein.

Wir sind die einzigen Nicht-Franzosen und bekommen guten Kontakt zu unseren Tischnachbarn. Lady C.’s französische Sprachkenntnisse helfen enorm dabei. Englisch ist hier ein Fremdwort.

Tag 35: Refuge Petit Mont Cenis – Refuge d’Ambin: 8,8 km – / 594 Hm – \ 447 Hm


Tag 36: Donnerstag, 31. Juli 2025: 

Die Morgenstimmung am Refuge d’Ambin ist kühl und ein bisschen mystisch. Wolken wabern durch das Vallon d’Ambin.

Wir haben heute für den Weiterweg drei Möglichkeiten: Bei zwei Möglichkeiten würden wir am Abend in Bivacci ankommen, die bei ca. 3000 Hm liegen. Die Nachttemperaturen liegen dort um den Gefrierpunkt. Das ist uns zu kalt. So wählen wir den Übergang zum Colle del Sommeiller (3009 Hm).

Wir machen uns auf in eine Landschaft die gleichzeitig unwirtlich und faszinierend ist. Es ist erst einige Jahrzehnte her seitdem die Gletscher hier verschwunden sind.

Phantastische Weiten und Größenverhältnisse tun sich auf. Wir suchen uns unseren eigenen Weg durch eine vom Wasser sich ständig verändernde Landschaft.

Bis auf vier Steinböcke sind wir die einzigen für uns sichtbaren Lebewesen weit und breit.

Es ist nicht mehr weit zum Pass, der für uns einige Überraschungen bereit hält. Ein riesiges, komfortables Bivacco steht vor uns auf einer planierten Ebene, auf der neben einigen E-Bikes und und MTBs auch noch ein Auto mit Dachzelt steht!

Die Ursache für diese Kuriositäten ist eine Schotterstraße, die schon seit langem bis hier oben hinführt. Ein Foto im Bivacco Sommeiller dokumentiert, dass bereits VW-Käfer hier oben waren.

Der Weg zum Colle del Sommeiller ist auf französischer Seite ein wunderbarer Weg durch phantastische Landschaft und auf italienischer Seite der zweithöchste Punkt in den Alpen, der mit zweiachsigen Fahrzeugen erreichbar ist.

Wir haben mal wieder Glück. Heute ist Donnerstag und die Fahrt hinauf zum Colle ist an diesem Wochentag für Kfz und Motorräder verboten, so dass wir uns beim Abwärtsgehen lediglich mit E-Bikes und MTBs abstimmen brauchen.

Wir wechseln zwischen Schotterpiste, markierten Wegen und weglosem Gelände, …

… passieren traumhafte Wasserkaskaden, …

… bis wir schließlich unser heutiges Ziel, das Rifugio Scarfiotti, erreichen. Leider ist es geschlossen, was wir bereits wussten. Wir schlagen unser Zelt vor der Hütte auf …

… und machen uns an unsere eingespielten Abendrituale. Nach Sonnenuntergang wird es kühl und wir legen uns ins Zelt, was uns einen 10stündigen Schlaf beschert.

Tag 36: Refuge d’Ambin – Zelt an Rifugio Scarfiotti: 11,7 km – / 764 Hm – \ 882 Hm

2 Kommentare

  1. Heidi Wahren
    8. August 2025
    Antworten

    Hallo, Ihr zwei, es ist immer wieder interessant, Eure Reiseberichte zu lesen. Danke dafür. Liebe Grüße Heidi 🤓

  2. 8. August 2025
    Antworten

    Liebe Heidi,
    Es macht uns auch immer wieder Freude, den Tag in Wort und Bild am Abend an uns vorbei flanieren zu lassen. Liebe Grüße auch von Lady C.

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