Tour della Ramière

Tag 41: Dienstag, 5. August 2025:

Es ist Frühstückszeit. Das Buffet im Essenssaal ist so gut ausgestattet, dass wir mehr als nur vier Gäste erwarten.

Unser Gastgeber, ein angenehmer, bäriger Zeitgenosse, erklärt, dass der Winter die Hauptsaison ist und es im Sommer nicht viele Gäste hat. Er scheint mit der Situation zufrieden zu sein und keine Gewinnmaximierung anzustreben.

Das Chalet älteren Ursprungs ist tiptop in Schuss, sowohl innen wie außen. Leider habe ich die Intarsienarbeiten im Parkettboden nicht fotografiert.

Es geht auf die Tour della Ramière. So gemischt ‚italsösisch‘ wie der Name dieser Tour sind viele Namen hier, was wohl auf die gemeinsame Geschichte Savoyens zurückzuführen ist.

Beim Aufstieg, entlang der italienisch-französischen Grenze geht es stundenlang über Wiesen und durch lichte Lärchenwälder, so weit das Auge reicht.

Suchbild 1: Wo ist Lady C.?

Wir blicken zurück auf den Mont Chaberton (3131 Hm), der bis 1947 zu Italien gehörte und dann in einem Friedensvertrag Frankreich zugeordnet wurde.

Wir wechseln mehrfach von Staat zu Staat und stellen keinen Unterschied in der Landschaft fest.

Suchbild 2: Wo ist Ladx C.?

Beim heftigen, wegarmen, markierungsfreien Anstieg überholt uns fast eine Schafherde.

Wir steigen weiter auf zu einem breiten Gratrücken, folgen ihm und bekommen gleichzeitig eine phantastische Aussicht auf das Écrins und die Cottischen Berge.

Wir identifizieren einen kleinen schwarzen Punkt als unser heutiges Ziel, …

… dem wir Schritt für Schritt immer näher kommen. 2800 Hm haben wir schon erreicht.

Noch einige hundert Weit- und 47 Höhenmeter und wir erreichen das architektonisch interessante und grandios gelegene Bivacco Corradini.

Mit uns sind noch vier Menschen aus Itatien und ein Hund da. Mit ihnen teilen wir uns die Unterkunft und haben einen gemeinsamen Abend. Das Bivacco hat wunderbar an beiden Seiten je ein großes Panoramafenster. Lady C. nennt es das ‚TV-Bivacco‘.

Nebenbei erfahren wir, dass dieses Bivacco eigentlich online gebucht werden muss und fast immer ausgebucht ist. Wir haben Glück, dass wir heute hier zwei komfortable Schlafplätze bekommen, auch ohne gebucht zu haben.

Das Bivacco entstand durch die Initiative eines Elternpaares, dessen 17jähriger, bergbegeisteter Sohn an einer Blutkrankheit gestorben ist. In Erinnerung an ihn, Matteo Corradini, ist dieses Kleinod errichtet worden.

Bei Sonnenuntergang mache ich mich nochmal raus für ein Foto.

Für diese Höhe von 2840 Hm ist es heute ungewöhnlich warm und windstill.

Tag 41: Claviere – Bivacco Corradini: 15,2 km – / 1569 Hm – \ 490 Hm


Tag 42: Mittwoch, 6. August 2025:

Gestern Abend wurde das Trinkwasser knapp. Ein Mitbewohner hat aus dem See Wasser geholt und es sicherheitshalber durch unseren Filter laufen lassen. So gibt es heute Morgen für alle genügend Kaffee- und Teewasser.

Lac du Fond (2748 Hm) an Mont Chaberton

Steife Segge in Lac du Fond

Beim Abstieg genießen wir die Aussicht auf Teile des Écrins, des Vanoise und mit viel Phantasie kann man auch Berge des Aostagebietes erkennen. Gleichzeitig gilt die Regel: Entweder Laufen oder Schauen. Beides gleichzeitig kann böse Folgen haben.

Weiter unten, auf Stolpersteine achtend, finden wir auf dem Pfad diese Raupe, die sich als Wolfsmilchschwärmer entpuppen wird.

Ein Vorbote für das nahende Ende des Sommers kommt uns auch zuhauf vor die Schuhe. Wir ahnen Herbstliches.

Herbstzeitlose

Des Schäfers Heimat.

Am Ende des heutigen Weges stoßen wir mal wieder auf den Susatal-Balkonweg, der uns schon seit Susa in kleinen Teilstücken unter die Schuhe kam. Er umrundet das obere Susatal, ist 183 km lang und je 10000 Hm sind an Auf- und Abstieg zu absolvieren. Offiziell ist er in 10 Etappen unterteilt.

Ruilles ist unser heutiges Ziel, ein kleines Dorf im Val Thuras. Zunächst erscheint alles ein bisschen verfallen …

… und der natürlichen Entropie preisgegeben.

Gleichzeitig gibt es Bereiche, die fleißig restauriert werden und einer Freizeitnutzung zugeführt werden.

So auch unsere heutige Herberge, das Rifugio Comb (1693 Hm). Eigentlich ist es ein gepflegtes Berggasthaus mit sehr guter Küche.

Rifugio Comb

Wir sind mal wieder die einzigen Übernachtungsgäste – obwohl sich Ferragosto unweigerlich nähert.

Idee für zu Hause: Bier in langstieligen Weinkelchen servieren und aus diesen trinken. Ist ein gutes Gefühl.

Tag 42: Bivacco Corradini – Rifugio Comb d’Imbert: 7,6 km – / 50 Hm – \ 1189 Hm


Tag 43: Donnerstag, 7. August 2025:

Das Rifugio Comb ist erst seit 3 Jahren in Betrieb. Entsprechend neu sind die Ausstattung und auch die komplett restaurierte Bausubstanz.

Achtung! Fake! Foto vom Foto: Rifugio Comb

Ich wünsche der Familie viel Glück bei diesem Vorhaben, für das sie einen langen Atem brauchen wird.

Nur ein halber Wandertag liegt vor uns, so dass wir uns beim Frühstück Zeit lassen. 

Wir gehen gemächlich auf Fahrwegen hinauf ins Val Thuras, rechter Hand auf dem Bergkamm die italienisch-französische Grenze. 

Eine Informationstafel informiert uns, dass wir uns in einem Gebiet befinden, das land- und forstwirtschaftlich genutzt wird (und der Tourismus nur nebenbei läuft).

Seitenbäche, die aus den grauen Steinen fast kupferfarben hervorstechen, lassen Fragen aufkommen, die wir derzeit nicht beantworten können. 

Wir passieren gepflegte Heuerntefelder. Daneben die von Generationen von Bauern vom Feld abgelesenen Steine.

Welch ein Aufwand, um eine gute Heuernte zu bekommen – der bis heute und in Zukunft weiter betrieben werden muss.

Unser Ziel heute, das Bivacco Tornior, und ist freundlicherweise bereits ausgeschildert.

Die Heimat des Älplers.

Der Aufstieg ist eher kontemplativ in wunderbarer Umgebung …

… – die Kraft des Wassers dagegen gewaltig. Anfang Juli diesen Jahres hat es im Val Thuras einen mächtigen Erdrutsch gegeben, der Steine und Schlamm über mehrere hundert Meter breit über den Fahrweg und die Wiesen gespült hat. Aktuell wird ein provisorischer Weg wieder hergestellt …

… damit die ca. 500 frei weidenden Rinder (sowohl weiße, piemontesische als auch Angus) im Herbst aus dem Tal herausgeholt werden können.

Ein 10 km langes Wiesental, umgeben von einigen 3000ern ist verdammt lang …

… und gleichzeitig hat auch dieses ein Ende und das Bivacco ist in Sicht.

Lady C. ist froh anzukommen und hat genügend Zeit für einen halben Ruhetag.

Am Abend finden sich nach und nach weitere Wandernde ein: vier junge Franzosen, ein 83jähriger Italiener und zwei Dreiergruppen italienischer junger Damen inkl. zweier Hunde, einem Schäferhund und einem Border Colli. Bei 6 vorhandenen Betten mit je einem Meter Breite ergibt sich daraus eine soziallogistische Herausforderung.

Ohne Stuhlkreis und nur mit wenig Absprache packen die vier Franzosen ihre Zelte aus.

5 Damen teilen sich drei Betten, indem sie sich zusammenkuscheln. Wir Alten haben je ein Bett. Und die Hundebesitzerin schläft bei ihren Hunden auf dem Fußboden. Tutto bene.

Der Abend und die Nacht können kommen.

Tag 43: Rifugio Comb – Bivacco Tornier: 10,1 km – / 863 Hm – \ 10 Hm


Tag 44: Freitag, 8. August 2025:

Am Morgen sehe ich im Nordwesten in der Ferne eine Bergsilhouette, die ich nicht zuordnen kann. Vielleicht finde ich in meinem Winterquartier heraus, um welche Berge es sich handelt.

Lady C. ist auch schon wach und dem etwas stickigen Bivacco entfleucht. Wir frühstücken und präparieren uns und unsere Rucksäcke heute draußen, auch wenn wir dabei ein bisschen frieren.

Unser alter italienischer Mitschläfer erklärt uns, dass dieses alte Kasernengebäude aus dem ersten Weltkrieg stammt und auch noch im zweiten Weltkrieg für ein paar Wochen Krieg gegen Frankreich genutzt wurde.

Wir gehen auf einem alten Handelspfad hinauf zum Col Thuras. Schon bald können wir in der Rückschau das Bivacco Tornior nur erahnen.

Zwei Wandernde am frühen Morgen.

Vom Col Thuras (2798 Hm) können wir mal wieder auf den mächtigen Monviso blicken.

Wir steigen hinunter nach Le Roux im Queyras (F). Ich erinnere mich noch gut an die Etappen des GR5, die uns durch das westliche Queyras geführt haben. Jetzt sind wir im östlichen Teil. Eine weiche Landschaft, umgeben von 3000ern.

Eine Glockenblume, mal von oben fotografiert.

Auch dieser Schmetterling wird wahrscheinlich erst im Winter bestimmt.

Die Landschaft und das Licht im Queyras haben schon etwas besonderes. Ich erinnere mich, dass es hier die geringste Bevölkerungsdichte Frankreichs hat.

Brunnen, die gern Trinkwasser spenden, sind hier häufig anzutreffen.

Eine freie Unterkunft haben wir in Abriès gefunden, das nur über einen 5 km langen Straßenhatscher zu erreichen ist. Wir versuchen es mit Autostop und sind sofort erfolgreich.

Abrìès ist ein Mayrhofen in Kleinstausgabe.

Der GR58, eine Rundwanderung durch das Queyras, führt hier durch. Alles ist kommerziell durchorganisiert. Es gibt Gepäcktransport von Etappe zu Etappe. Man kann sich auch teilweise fahren lassen. Fertige Lunchpakete können erworben werden. Man kann geführt laufen ….

Entsprechend voll ist der Ort mit französischen Wandernden. Wir finden eine gute Einkaufsmöglichkeit , -Sherpa-, zwar mit Touristenpreisen, jedoch mit guter Auswahl und hoher Qualität.

In einer Gite mit Selbstversorgerküche kommen wir unter, bereiten uns uns ein köstliches Abendessen zu, trinken Bier und betreiben Kommunikation mit Daheim. Und schon ist ein toller, voller Tag zu Ende.

Tag 44: Bivacco Tornior – Le Roux – Abriès (F): 7,3 km – / 299 Hm – \ 1097 Hm

4 Kommentare

  1. Annette Westermann
    10. August 2025
    Antworten

    Liebe Cornelia lieber Klaus was für ein wunderbarer Reisebericht. Ich bin begeistert wie toll ihr alles meistert.
    Herzliche Grüße aus Kassel Annette

    • 10. August 2025
      Antworten

      Liebe Annette,
      danke für die ‚Blumen‘. Aktuell wird es wegen Ferragosto auch in den italienischen Bergen voller und wir hoffen, dass wir weiter soviel Glück mit dem Wetter, den Menschen, dem Essen und den meist freien Unterkünften haben.
      Liebe Grüße vom Rifugio Granero

  2. Petra. F.
    12. August 2025
    Antworten

    Hallo Klaus, Hallo Lady C,
    Bin total begeistert über die Hammermäßig geilen Berg-, Landschafts-, Raupen-,Blumen-,Sonnenuntergangsbilder !!!! Gibt’s schon einen Termin für euren Vortrag im Alpenverein??? Muss ich mir rechtzeitig FD wünschen. Mein Tip für die Braune Verfärbung der Bache : eisenhaltiges Quellwasser, denn moorige Quellgebiete wird’s da oben wohl nicht geben. Weiter gutes Gelingen wünscht Petra

    • 13. August 2025
      Antworten

      Hallo Petra, prima wenn’s dir gefällt. Und ja, es gibt einen Termin: 27.11.2025, 19:30 Uhr, Vereins- und Kletterzentrum des DAV Kassel. Liebe Grüße vom Wäschewaschabend in Pontechianale.

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