Tag 37: Freitag, 1. August 2025
Früh am Morgen kommt eine Wolke aus Frankreich über den Bergkamm gekrochen und will sich im Tal breitmachen. Schafft sie aber nicht.
Nach den bekannten Morgenritualen (Zeltabbau, Kaffee, Tee, Müsli, Elementarhygiene) packen wir unser Geraffel in einer windarmen Ecke am Rifugio Scarfiotti und machen uns auf den Weg ins Valle Rochemolles.
Wir passieren den idyllisch gelegenen Stausee Lago Rochemolles …
… und beobachten an der Staumauer, dass dort gewisse Pumparbeiten im Gange sind. Nichtsahnend steigen wir weiter ab, stellen dabei fest, dass das Wasser des Torrente Rochemolles sehr sedimenthaltig und quasi eine graue Brühe ist.
Eine auf der Karte vorhandene Brücke existiert in Realität nicht.
Wir suchen eine Furt, gehen am Flüsschen entlang und werden glücklicherweise fündig.
Jetzt heisst es Schuhe und Hose ausziehen. Alle wichtigen Sachen sicher verpacken und in Socken durch die Sedimentbrühe waten. Der Wasserdruck ist auszuhalten, doch muss jeder Schritt ertastet werden.
Wif sind froh, es trocken und sedimentarm rübergeschafft zu haben.
Auf der anderen Seite (!) des Torrente Rochemolles finden wir Informationen darüber, was hier gerade gemacht wird.
„… im Rahmen der Baggerarbeiten Sediment bewegt wird, um die Durchlässigkeit der Grundabflüsse des Rochemolles-Stausees wiederherzustellen. … Die Entwässerungsarbeiten werden 80 Arbeitstage dauern … Als Vorsichtsmaßnahme wird der Öffentlichkeit empfohlen, während der gesamten Dauer der Arbeiten, etwa bis Oktober 2025, äußerste Vorsicht walten zu lassen und sich dem Rochemolles-Flussbett nicht zu nähern …“
Gut, es zumindest nachträglich zu wissen.
Und überhaupt: Auch wenn Gesteinssediment natürlich ist, frage ich mich, was nach dieser langen Sedimentspülung in diesem Bach an Flora und Fauna noch übrig bleibt und welche Flußstrecke es braucht, bis das Gewässer wieder einigermaßen klar und so verdünnt ist, dass man die hohe Sedimentbelastung nicht mehr wahrnimmt.
In Rochemolles angekommen, pausieren wir in der Bushaltestelle. Anstatt die Straße nach Bardonecchia zu laufen, entscheiden wir uns für den Gratuit-Bus, der aber erst in 90 Minuten kommen wird.
Wir haben Zeit unsere nähere Wanderzukunft zu planen, die uns auf die Tour um und auf den Mont Thabor führen soll.
Doch leider erleben wir einen herben Dämpfer auf unseren Plan: Sowohl die erste als auch die meisten folgenden Hütten im Mont-Thabor-Gebiet sind im August komplett ausgebucht.
Das Hüttenteam informiert, dass man zwar zelten könne, aber eine Verköstigung in der Hütte nicht möglich sei. So müssten wir für sieben Tage unser Essen mitbringen und jede Nacht zelten. Das ist uns zu anstrengend, so dass wir die Zeit bis zur Abfahrt des Busses nutzen und unsere Tour mal wieder – und diesmal gravierend – umplanen:
Die Tour de Mont Thabor wird in diesem Jahr gestrichen. Wir werden weiter Richtung Süden ziehen, mal auf der italienischen, mal auf der französischen Seite.
Doch zuvor machen wir einen Tag Pause in Bardonecchia am Ende des Val Susa. Mal wieder haben wir ein gutes Händchen und wählen ein typisch italienisches Hotel aus, in dem das Personal und die Gäste gemeinsam alt geworden und so zwischen 70 und 80 Jahre alt sind. Es ist schön, endlich mal wieder die Jüngsten zu sein.
Eigentlich ist Bardonecchia ein Wintersportort mit irrsinnig vielen Ferien- und Eigentumswohnungen und ca. 2400 Touristenbetten und das bei ca. 2400 Einheimischen.
Doch bei lediglich 1300-2100 Hm wird auch hier im Winter der Schnee knapper und man sucht nach neuen Lösungen für die Gästebindung: sowohl im Winter als auch im Sommer (MTB, Downhill, E-Bike, Enduro!, 4×4!!).
Den kompletten Gegensatz zu unserer traditionsitalienischen Unterkunft erleben wir in einer ‚Birreria‘: Bestellt und bezahlt werden online, anschließend kommen Getränke und Essen wie aus der Zauberhand eines freundlichen Servicemitarbeiters, der nichts mehr mit Geld usw. zu tun hat, frisch auf den Tisch. Wir finden’s super!
Tag 37: Zelt an Rifugio Scarfiotti – Rochemolles (- Bardonnecchia): 7,3 km – / 41 Hm – \ 586 Hm
Tag 38: Samstag, 2. August 2025:
Bei einem Spaziergang durch Bardonecchia fällt uns dieses Gebäude auf. Im August 2023 hat hier eine Flutwelle inklusive Schlamm- und Steinlawine den unteren Teil des Ortes so stark beschädigt, dass bis heute noch die Auswirkungen zu sehen sind. Unvorstellbar, wie es hier gewütet haben muss.
Den Rest des Pausentages verbringen wir mit Einkaufen, Kleidung pflegen, Blog schreiben, Essen, Trinken und Nichtstun. Morgen geht’s weiter.
Tag 38: Pausentag in Bardonecchia
Tag 39: Sonntag, 3. August 2025:
Früh sind wir auf Tour, denn es wird wahrscheinlich ein langer Tag. Es geht aus Bardonecchia an einer architektonisch interessanten Hotelburg vorbei hinaus …
… meist auf noch unbefahrenen MTB-Pisten, die ziemlich langweilig zu laufen sind, …
… wenn es da nicht italienische Kuriositäten in Form von StrandliegeFeldern an Liftstationen gäbe. Interessant wäre bestimmt, Italiens Hauttumorquote mit der anderer Länder zu vergleichen, in der das Sonnenbaden nicht so en vogue ist.
Es geht weiter über illegale Downhill-Routen, die so gut wie nicht befahren werden, weil sie ziemlich halsbrecherisch aussehen. Wir gewinnen gemächlich auf schmalen Schotterpisten an Höhe, die zum Susa Balkonweg gehören.
Ab dem Passo della Mulattiera (2412 Hm) schlängelt sich ein Pfad zum Col des Acles (2273 Hm), Wir bekommen Aussicht in die Vielfalt der Berglandschaft …
… sowie auf die Kasernen-Überreste vergangener kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Italien und Frankreich.
Noch zwei Schritte am Col des Acles und Lady C. ist in Frankreich.
Ab hier hat der Weg auch den bekannten Namen GR5 (Variante B). Im letzten Jahr waren wir auf Teilen dieses Weges (Variante A) unterwegs, um anschließend zum Mittelmeer zu kommen.
Es folgt ein schottriger Abstieg auf schmalem Pfad und wir erreichen am späten Nachmittag Chalets des Acles (1867 Hm), ein kleiner Weiler mit ein paar einfach renovierten Häusern und viel freier Fläche für einen ZeltStellplatz. Lady C. erkundet die Lage und Aussicht. Hier bleiben wir.
Nach und nach rückt eine Männergruppe in ihren Fahrzeugen an und bringt alles mit, um eine Jahresfeier für einen verstorbenen Freund vorzubereiten. Morgen wird in der Kapelle eine „Messe“ abgehalten. Anschließend sollen die Gäste bewirtet werden. Es soll Schwein am Spieß, gefüllt mit Gemüse, und dazu Container-Wein geben.
Wir dürfen bei den Vorbereitungen dabei sein, lernen viel dabei und kommen dank Lady C.’s Französischkenntnissen gut in Kontakt.
Tag 39: Bardonecchia – Chalets des Acles: 17,1 km – / 1277 Hm – \ 730 Hm
Tag 40: Montag, 4. August 2025:
Schon um 6 Uhr am Morgen ist der Männertrupp wieder da und beginnt mit dem Anfeuern und dem langsamen Garen des Schweins. Der Antrieb des Drehspießes erfolgt mit Hilfe eines knatternden Dieselaggregats.
Wir bauen bei Kaffee und Tee unser Zelt ab, verabschieden uns dankbar von den Männern und gehen unserer Wege.
Ein Rückblick auf den Weiler Chalets des Acles muss doch noch sein.
Eine Stunde später, beim eigentlichen Frühstück, sitzen wir auf einem umgestürzten, ergrauten Arvenstamm, der mich zur Mustererkennung einlädt. Her ein paar Beispiele…
Beim Aufstieg zum Col de la Lauze (2529 Hm) ist mein Sehen noch auf Formerkennung eingestellt, so dass mir diese weichhügelige ‚Ebene‘ auffällt.
Am Col de la Lauza eröffnet sich dann der grandiose Blick auf das Écrins, dessen Umrundung uns im letzten Jahr wegen Wetterunbill nicht gelungen ist.
Auf der anderen Seite des Passes können wir einen Blick auf den Monviso (3841 Hm) werfen, der in der Vergangenheit lange als der höchste Berg der Alpen galt,
Abwärts geht es entlang des trockenen Rio Secco auf schmalem Pfad. Zeit zur Beobachtung von Insekten ….
… und noch zu bestimmenden Blumen.
Unser Ziel heute ist Claviere, ein italienischer Grenzort, der hufeisenförmig von Frankreich umschlossen ist. An der grünen Grenze, die auch unseren schmalen Pfad einschließt, patroullieren französische Grenzbeamte, die durch ihre Präsenz wahrscheinlich versuchen illegale Grenzübertritte zu verhindern. Noch nie habe ich bisher einen solchen Einsatz in freier Wildbahn erlebt.
Wir haben mal wieder Glück mit unserer Buchung und kommen im freundlichen Chalet della Luna unter, das seinen Hauptumsatz wohl im Winter durch Skitourismus macht. Wir sind quasi die einzigen Gäste.
Im einzigen Lebensmittelladen am Ort, der wohl eher auf französische Feinkostgäste ausgerichtet ist, kaufen wir recht teuer unsere Vorräte für die nächsten drei Tage ein.
Den Abend beschließen wir in einer einfachen, schwer auffindbaren Trattoria bei wirklich gutem Essen und Wein.
Tag 40: Chalets des Acles – Claviere: 11,4 km – / 735 Hm – \ 843 Hm




































Ich finde ja, man sollte die Tradition des „Contornos“ , wenn man alkoholische Getränke bestellt, unbedingt auch in Deutschland einführen …😁🍻🍢🫘🍤
Ciao, Barbara. Ja, da kann ich dir nur zustimmen. Und wenn es nicht öffentlich in den Gasthäusern oder Bars geschieht, dann zumindest daheim, wenn wir uns privat treffen.