Unteres Südtirol

„…und dieses tornisterten wir von Molina di Fiemme bis Malosco sehr bequem ab …“

frei nach Johann Gottfried Seume. Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802
(mit eigenen Orten angepasst)

Tag 23, 23.7.:

Es ist nicht mehr ganz so warm. Andrea hat uns für 7 Uhr auf seinem Freisitz ein tolles Frühstück gerichtet. Verschiedene Brotsorten (Nuss, Mais, Weizen), Brioches,  Schokokrapfen, selbst gemachte Marmeladen, Joghurt und dazu frische Heidel- und Johannisbeeren.

Andrea von der Bärenhöhle

Wir verlassen den gastfreundlichen Ort und stiefeln los. Es ist mehr eine Wanderung durchs Mittelgebirge. Darin sind wir erprobt und „tornistern“ (schönes Wort) sie ab.

Es geht von Molina di Fiemme hinauf nach Anterivo.

… tornistern nach Anterivo …

Bei Ausschilderungen dreht sich die Reihenfolge von italienisch/deutsch auf deutsch/italienisch. Entsprechend aufgeräumt und durchgestylt kommt uns der Ort vor.

Durch den Naturpark Trudner Horn steigen wir auf ebendieses. Die angekündigte großartige Aussicht auf die Dolomiten erschließt sich mir nicht.

Dafür dürfen wir gut erhaltene historische Karrenwege bewundern und auf ihnen abwärts gehen.

Wir durchstreifen Waldgebiete, die durch den Sturm Vaia, der in 2018 hier gewütet hat, schwer beschädigt wurden. Doch irgendwie wirkt das, was jetzt nachwächst, vielfältig und lebendig. Vogel-, Brom- und Himbeere, Gräser, dazwischen erste kleine Bäume unterschiedlicher Art. Vielleicht ist so ein Sturm auch die Bereinigung von menschlicher (anfälliger) Bewirtschaftung.

Wir erreichen Cauria, einen Weiler, in dem wir am Brunnen Wasser nachfassen.

Tradition wird gepflegt.

Heute gibt es ein Konzert. Wir gehen schweren Herzens weiter.

Die Strecke geht uns flott vom Fuß und wir ziehen weiter in Richtung Rifugio Potzmauer, in dessen Nähe wir auf der Karte bereits ein Kapellennachtlager erspäht haben.

Auf halber Strecke erblicken wir einen Wegweiser zu einem Steilabstieg, der uns gut einen Tag Forstweghatscher ersparen kann. Kurzentschlossen weichen wir vom Plan ab und steigen auf 2km gute 1000Hm ab. Durch eine Rinne, angefüllt mit Zapfen, Nadeln und Steinen geht es rapide abwärts. Welch eine Abwechslung!

Dabei bekommen wir Einblick in das Wein- und Obstanbaugebiet Etschtal, das gleichzeitig eine MobilitätsAchse in Nord-Süd-Richtung von Bozen nach Trient ist, – natürlich auch umgekehrt.

Erschrocken nehmen wir die perfekte Ausnutzung jeden Quadratmeters Land wahr.

Noch ein paar Straßenkilomter und wir erreichen Buchholz, das ca. 200Hm oberhalb des Etschtals liegt. Der Klammhof bietet uns heute einfaches Quartier. Denn eigentlich ist hier seit Monaten der erste Ruhetag für die Mitarbeiter. So übernachten wir lediglich und essen auf dem Balkon zu Abend: Risotto alla Milanese. Dazu gewittert es mächtig. Es regnet hier zum erstenmal seit Wochen.

Tag 24, 24.7.:
Kaffee, Tee und Müsli auf dem Balkon unseres Zimmers. Das ist ein guter Tagesbeginn.

Es ist schon wieder schwülwarm und soll heute bis zu 35° werden. Wir wollen heute  das durchorganisierte Etschtal queren und wieder in die  kühleren Höhen der Nonberge aufsteigen.

Nach einem Abstieg durch die Weinberge können wir im Talort Salurn unsere Vorräte in einem sehr gut sortierten kleinen Supermarkt ergänzen, und das am Sonntagmorgen.

Auf einem Straßenhatscher überqueren wir die Etsch …

Die Etsch

… und gleich darauf die Autobahn …

… eine der derzeitig noch großen Verkehrsverbindungen zwischen Nord und Süd für den Individualverkehr. Die LKW fehlen, weil Sonntag ist.

Im Tal staut sich die Hitze und wir laufen wir betäubt durch die unendlichen Weinfelder des Etschtals.

Der Anstieg beginnt in Rovero, dem zentralen Ort für die Produktion des Trentiner Pinot Grigio.

Die Atmosphäre wirkt südländlisch: Grillen zirpen, die Straßen sind menschenleer, Eidechsen zischen über den Weg und verschwinden im vertrockneten Gras, Fensterläden sind geschlossen, es ist einfach nur heiß.

Eine Essenspause inkl. Siesta stärkt uns für den Anstieg.

Siesta im Val di Molino

Der führt erstmal über ein verdammt steiles Sträßchen …

… und dann endlich wieder über schmale Pfade hinauf durch die Wände der Nonberge.

Die Cascata am Talschluss des Val Mulini erlaubt eine letzte Rast.

Cascata della Val Molini

Der Rest des Steilaufstiegs erfolgt ohne Fotos, da wir beide alle Beine und Hände brauchen, um dort hoch zu kommen. Es geht auf schmalen, steilen Pfaden durch eine der Nonbergwände. Endlich, um 17.30 Uhr, erreichen wir Fennberg auf einer Hochebene und das Gasthaus zur Kirche ‚am Ende der Welt‘.

Hier merken wir, dass wir durch Südtirol laufen. Jede(r) spricht Deutsch. Italienisch ist eine Randerscheinung. Nachdem wir eine Info gelesen haben, werden wir nachdenklich.

Wir befinden uns im ‚Unteren Südtirol‘.

Und gleichzeitig lassen wir es uns gut gehen bei Forelle, Schnitzel und Pinot Grigio.

Das Zelt bauen wir auf der Gemeindewiese auf. Ein Bad im Dorfweiher ist ein gutes Betthupferl.

Tag 25, 25.7.:
Die Zeltnacht war erholsam. Wir konnten die  Türen auflassen. So hatten wir ständig ein erfrischendes Lüftchen um uns herum.

Nach den normalen MorgenRitualen machen wir uns um 8:15 auf den Weg. Der führt uns an leuchtenden Nonbergen vorbei …

… nach Oberfennberg, wo wir über das Verhalten bei BraunbärBegegnung aufgeklärt werden. Macht kurz ein mulmiges Gefühl, vergeht aber wieder.

Noch ein Blick zurück …

Die Etappe entwickelt sich zu einer mehrstündigen Kammwanderung über die Nonberge mit häufigen Tiefblicken ins Etschtal.

Wenn ich zu Hause im Supermarkt Äpfel aus Südtirol/Bozen sehe, werden mir diese Industrieproduktionsbilder wieder vor Augen kommen. Ob ich sie dann noch kaufe?

Eine Rast an der Kuhleger-Schutzhütte verführt zur Überlegung, hierzubleiben, so schön ist es hier.

Kuhleger-Hütte

Ich war noch nie am Kalterer See. Hier kann ich ihn mal aus der Vogelperspektive anschauen. Das reicht mir.

Kalterer See

Auch ein Blick nach Bozen gelingt uns, ist aber fotografisch nur schlecht wieder zu geben.

Um 17 Uhr kommt eine Wetterveränderung auf.

In der Ferne donnert es bereits und wir müssen noch über den Monte Roen (2106Hm). Um ein GipfelGewitter zu vermeiden, nehmen wir nochmal Tempo auf.

Die touristisch ausgebaute Malga Romeno erreichen wir noch knapp trocken. Es beginnt zu regnen, was hier heiß ersehnt wird. Zwei Stunden später, geduscht und mit gefülltem Bauch, erleben wir ein krachendes Gewitter bevor wir in den tiefen Schlaf der Wandernden fallen.

Tag 26, 26.7.:
Motorengeräusche direkt neben uns. Lemonsoda direkt vor uns. Hechelnde Radfahrer schleichen an uns vorbei. Eisdiele, Restaurant, Klamottenladen.

Wir sitzen am Mendelpass in einem Cafe und sind leicht erschlagen von den Konsumeindrücken um uns herum.

Am Morgen war der Himmel so blau wie lange nicht mehr. Der Regen in der Nacht hat alles blank geputzt.

Auf gemäßigtem Schotterweg machen wir uns von der Malga Romeno zum Mendelpass auf. Wochenend- und Ferienhäuser verdichten sich zum Pass hin, der auch gleichzeitig ein kleiner Ort ist.

Seine besten Zeiten hatte er wohl zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Höhenluftkurort und Sommerfrische für die vermeintlich Oberen der menschlichen Gesellschaft.

Bis 1988 wurden hier noch Bergrennen mit Autos gefahren.

Jetzt ist es ein Ziel für motorradfahrende Passjäger und ehrgeizige Radfahrer, die nicht vor Abgasen von Fahrzeugen mit fossilen Brennstoffen zurückschrecken.

Lady C. kauft sich eine Basecap, ich ein paar neue Schuheinlagen und wir beobachten vom Cafe aus Menschen und Maschinen.

Es ist ein lässiger Wandertag. Wir trudeln weg vom Mendelpass, vorbei an ehemaligen SommerfrischeResidenzen …

Sommerresidenz heute …
… und früher

… hinein in den Wald, in dem wir auf watteweichen Waldwegen unserem heutigen Ziel näherkommen.

Kein Mensch begegnet uns, außer natürlich am Mendelpass, wo die Häufung besonders hoch ist. Mir fällt dabei immer die Gausssche Verteilung aus der Stochastik ein. Diese beschreibt bestimmt gut die Häufigkeit von Menschen an bestimmten Hotspots und der steile Abfall dieser Häufigkeit in Abhängigkeit zur Entfernung zu diesem Hotspot. Wandergedanken 😉

Unsere Vitamin- und Zuckerdosis wächst und pflücken wir am Wegesrand.

Der Weg versorgt uns.

Weite Wanderungen, wo es nichts zu Essen und nicht zu Trinken zu kaufen gibt, ist nichts für den/die NormalItalienerIn. Selbst Pausenbänke im Wald helfen da nicht.

Übrigens sind wir am Mendelpass wieder von Südtirol ins Trentino gewechselt. Da soll einer durchblicken.

Ab hier sind wir im Alta Val di Non unterwegs, einer mittelgebirgigen Landschaft zwischen 1400Hm und 1800Hm.

Die Wälder scheinen hier noch gesund, auch wenn hier konventionelle Forstwirtschaft betrieben wird.

In Malosco, einem kleinen Dorf, finden wir am Ortsrand eine prima Unterkunft, deren Betreiber Wert auf den Erhalt der alten Bau- und Einrichtungssubstanz legt.

Heute Abend kochen wir aus dem Rucksack: In FertigMinestrone gekochte Nudeln mit Fischeinlage. Buon Appetito.

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