Nun bin ich seit 2007 bereits zum zehnten Mal auf dem Urwaldsteig und umrunde dabei die Edertalsperre. Noch ist mir dabei nicht langweilig geworden. Ich treffe im Frühling und Herbst auf verschiedene Witterungsbedingungen, laufe dabei in unterschiedlichsten Konstellationen und mein Blick richtet sich bei jeder Runde auf andere kleine und große „Dinge“ am Wegesrand.
Auch ist der Urwaldsteig mit seinen ca. 70 km ein Test für mich, inwieweit meine Wanderlust und -fähigkeit für eine Mehrtagestour noch erhalten ist.
Diesmal bin ich, wie in 2007, allein unterwegs. Mit dem Bus komme ich von Kassel nach Hemfurth. Die Haltestelle Peterskopfbahn liegt wunderbar günstig direkt am Weg, so dass ich sofort loslaufen kann. Das ist auch gut so, denn es ist kalt und ich muss mich regelrecht warmlaufen.
Da die Laubblätter sich wegen der niedrigen Temperaturen noch nicht aus ihren Startlöchern wagen, habe ich von den „Klippen“ eine richtig gute Aussicht auf die Staumauer der in dieser Jahreszeit randvollen Edertalsperre. Um die Schifffahrt auf der Weser auch bei Niedrigwasser zu ermöglichen, sind hier ganze Täler und Dörfer 1914 unter Wasser gesetzt worden. Wegen seines niedrigen Wasserstands im Sommer und Herbst ist der eigentliche See im Sommer für Freunde des Wassersports nicht wirklich attraktiv.
Für Wandernde jedoch gibt es immer viel zu entdecken. Hier ein paar Schnappschüsse meiner Drei-Tage-Wanderung.
An der „Kanzel“ gibt es vier mächtige „Stühle“, von denen aus man das Schloss Waldeck entdecken kann.
Baumpilzfamilien-Naturschönheit: Langsam wächst sie vor sich hin und schöpft ihre Nahrung aus sogenanntem Totholz. So tot kann es gar nicht sein.
Baumpilz wächst auf und ernährt sich von Baumpilz, der sich wiederum von Totholz ernährt. Erinnert mich an so manche Beziehungen zwischen Menschen …
Ich genieße die Aussicht vom oberen Weg der „Kahlen Haardt, der durch Steilhänge mit Traubeneichen führt und etwas urwüchsiger daherkommt als der offizielle, etwas tiefer verlaufende, Urwaldsteig.
Am Abend erreiche ich mein Standardziel auf der Nordseite der Edertalsperre, den DKV-Campingplatz im Fürstental unterhalb von Basdorf. Bei den niedrigen Temperaturen bin ich der einzige Zeltende. Am folgenden Morgen finde ich mächtig Rauhreif auf meinem Zelt. Es dauert, bis alles getrocknet und verpackt ist.
DIe Abendstimmung am DKV-Zeltplatz mit Aussicht auf den Edersee ist wunderbar.
Nach dem Aufbruch treffe ich mitten im Wald auf zuvielisatorische Reste.
Der Zweig einer Rotbuche mit ihren Frühlingssprossen hängt fotografisch attraktiv im Weg.
Es ist schon faszinierend, wie tief sich die Wurzeln der knorrigen Eichen in den brüchigen Tonschiefer vorarbeiten, um jahrhundertelang stabil stehen zu können.
Auch die Rosskastanie macht sich für den Frühling bereit, um die damit verbundenen Aufgaben der Ernährung und Fortpflanzung zu erfüllen.
Moose erobern eine Bank. Wenn das Regenwasser erstmal erste schmale Ritzen im Lack gefunden hat, kann das Mooswerk beginnen. Wann wird von der Bank wohl nichts mehr übrig sein? Es ist beruhigend, dass sich andere Lebewesen das holen, was die Menschen nicht brauchen – auch wenn es ‚lange‘ dauert.
In diesem Unterstand möchte ich eigentlich übernachten. Der Anhänger wäre dazu bestens geeignet. Doch macht sich in der Nähe eine Gruppe von Jägern bereit für den nächsten Morgen. Es ist bereits Jagdsaison für Rotwild, Rehbock und Fuchs. Da möchte ich nicht in die Quere kommen bzw, von Schüssen oder dem Schraubdeckelgeräusch von Flachmännern geweckt werden. So suche ich eine Bauernhofpension in der Nähe auf und genieße dort ein warmes Bett, nachdem ich in der Gemeinschaftsküche mein Abendessen zubereitet und verspeist habe.
Der nächste Tag führt mich durch dem zum Weltnaturerbe „geadelten“ Buchenwald, der zu den letzten großen Buchenwäldern Europas zählt. Hier sind mal nicht die Abwechslung und die Artenvielfalt das Faszinierende sondern die Artenarmut und Gleichförmigkeit.
Erzeugt wird die MonoNatur ganz natürlich durch das geschlossene Blätterdach eines dichten Buchenwaldes, das kein Sonnenlicht für andere Pflanzen hineinlässt. Selbst schwache oder ungünstig stehende Jungbuchen haben das Nachsehen.

Grauwacke, Kies- und Tonschiefer sind die häufigsten Gesteinsarten um den Edersee herum, wobei der brüchigere, kantige Tonschiefer zusammen mit seiner Bemoosung bei mir kubistische Eindrücke hinterlässt.
An dem Foto habe ich manipuliert, d.h. farbreduziert – damit der völlig bemooste Baum besonders gut aus dem alten Buchenblätterteppich heraussticht. Denn eigentlich habe ich ihn so hervorgehoben wahrgenommen.
Ich habe den Eindruck, der gesamte Buchenwald steht in den Startlöchern. Jeder Baum, jeder Zweig, jede Knospe platzt schier vor Energie und ist darauf aus, so schnell wie möglich die Blätter zu entfalten, um im Rennen ums Licht gut abzuschneiden.
Das Ende des Rundweges ‚Urwaldsteig‘ ist am dritten Tag schneller erreicht als gedacht. Ich fühle mich fit und könnte weiterlaufen, sowohl heute als auch die nächsten Tage. Ein gutes Gefühl.
Der erste Kontakt mit der Zuvielisation erschreckt mich immer wieder, auch wenn es nur die am Karfreitag stark befahrene Uferstraße und das übervolle Gasthaus „Zündstoff“ sind, die ich vom Waldrand aus beobachte. Endlich kommt der Bus. Er bringt mich entspannt über Bad Wildungen wieder zurück nach Kassel.
Ich komme wieder. Es gibt noch viel zu entdecken.






















Hoi lieber Klaus, mir gefällt, wie du immer mehr den Blick auch für die kleinen Wunder am Wegesrand hast und mit uns teilst. Freu mich immer über deine Berichte. Herzlich 🙋
Hoi liebe Katrin, danke für die „Blumen“. Ja, die kleinen Dinge kommen bestimmt auch deshalb mehr zum Zug, weil ich den gleichen Weg schon zum zehnten Mal gegangen bin. Nun habe ich die dafür notwendige Muße für die Details. Liebe Grüße nach Zürich. Klaus
Schöner Saisonauftakt.
Und wieder ein toller Artikel dazu. Danke dafür