ZweiTälerSteig Variante

Noch zwei Testtouren bis zur geplanten Alpenwanderung ab Juli. Der ZweiTälerSteig ist eine davon. Meine Knie möchte ich nochmal mit Steigungen belasten und dabei eine Kniemanschette tragen. Dies soll eine Entlastung beim Dauereinsatz bewirken. Mal sehen, ob’s was bringt.

Der ZweiTälerSteig sticht mir in der Nase, weil ich in dieser Region des Schwarzwaldes Ende der 1970er studiert habe und ziemlich glücklich mit meinen Lebensumständen war.

Nun bin ich älter, die Zeiten sind anders und bestimmt hat sich vieles verändert. Wahrscheinlich ist es mehr Neuland als Altbekanntes, das ich durchlaufe. Gleichzeitig hoffe ich auf fünf tolle Wandertage durch den Schwarzwald.

Als Basisinfo hier erstmal 3 Seiten, die sich mit diesem Wanderweg beschäftigen:

Kenndaten: Rundwanderung beginnend in Waldkirch, 5 Etappen, 108km, /3300Hm, \3300Hm

Die Bahn bringt mich günstig und flott von Kassel nach Waldkirch. Ab Frankfurt umgibt mich ein Hauch von Italien, weil ich bis Freiburg den italienischen EuroCity nach Milano nutze. Europäische Sprachenvielfalt bei Zugbegleitern, Passagieren und Zugansagen. Das tut gut und Vorfreude auf meinen italienischen Alpensommer kommt auf.

Ich laufe den ZweiTälerSteig andersherum als offiziell beschrieben.
So habe ich zum einen die hoffentlich interessanteren Etappen zum Schluss und vermeide heute am Samstag die vielen AusflüglerInnen auf dem Kandel, dem Ziel der offiziellen ersten Etappe.

Die Wegemarkierung des ZweiTälerSteigs ist schon etwas speziell und erinnert mich mehr an die TrimmParcours-Beschilderung einer Herz-Kreislauf-Reha-Sportgruppe.

Tag 1: Waldkirch -> Schutterquelle

Wegen der Anfahrt starte ich meine Wanderung erst am späten Vormittag …

Ruine Kastelburg

… und komme nach einem ersten kleinen Anstieg bei strahlendem Sommerwetter an der Ruine Kastelburg vorbei.

Dann kommen schon bald die für den Schwarzwald so typischen einzeln gelegenen großen Höfe mit ihren landwirtschaftlichen Nutzflächen drumherum. Vordergründig ein Postkartenidyll …

Der Weg führt schön durch Wald und Wiesen. Manchmal kann ich weit übers Land schauen. Es ist still. Die Wege (viel Schotter, weniger Asphalt, noch weniger Wald- und Wiesenboden) werden selten befahren und wenn, dann von E-MTB-BikerInnen. Wir nehmen Rücksicht aufeinander und kommen uns nicht ins Gehege.

Nasenschild des Gasthauses „Zum Gscheid“

Nach ca. 9 km gibt’s an der Passhöhe Gscheid im gleichnamigen Gasthaus die erste Pause und ein romantisches Nasenschild dazu. Mit dem Angebot der Wirtschaft hat das Schild aber nix zum due.

Die Fernsichten mit vorgelagerten Höfen sind großartig und lassen mich immer wieder zum Knipser greifen.

Nach dem ersten Schnitt des Grases wird direkt danach auf die Wiesen die gequirlte KackePisse domestizierter Tiere breitflächig aufgebracht. Harmloser klingt es wenn „mit Gülle gedüngt“ wird. Unangenehm riechen tut beides.

Das Wanderheim Kreuzmoos ist meine nächste Raststation. Die einfache, herzliche Atmosphäre und der Hilferuf nach Unterstützung gefallen mir.

an der Schutterquelle

Mein Nachtlager finde ich in einer Schutzhütte bei der Schutterquelle. Zu Abend mache ich mir Couscous und Dörrgemüse mit Ziegenfrischkäse. Es ist still hier.

Ein schöner Abendhimmel begleitet mich in die Nacht. Komfortabel schlafe ich auf dem großen Tisch in der Hütte.

Zusammenfassung Tag 1: tolles Wetter, tolle Aussichten, gepflegtes Wirtschaftsland, fast kein Platz für „Wildes“, meist langweilige land- und forstwirtschaftliche Wege (Schotter oder Asphalt). Es kann also noch besser werden.

Tag 1: 20,5 km – /~850Hm – \~440Hm

Tag 2: Schutterquelle -> Kapfhütte

Schon um 5 Uhr weckt mich ein Vogelzwitscherkonzert, dass mich beim Zusammenpacken, Kaffeetrinken und Müsliessen begleitet.

Dass ich gestern mit Kniemanschette gelaufen bin, hat es echt gebracht. So schlank und beweglich war mein Knie nach einer längeren Tageswanderung schon lange nicht mehr.

Es geht weiter auf diesen von mir ungeliebten Wegen. Aber ich muss ja auch nicht alles mögen …

Ich teile mir den Weg mit MTBern, Ebikern und ja auch einmal mit einer Horde Quadfahrenden. Ich frage mich, wie man unter diesen äußeren Umständen (Klimakrise, Putinscher Krieg) noch eine „Fahrt ins Blaue“ auf einem benzingetriebenen Quad machen kann …

Landwassereck

Nach mehreren Infotafel-Stops, die über die Historie dieser Region aufklären und ein bisschen Abwechslung in die WirtschaftswegeWatschelei bringen, mache ich eine JohannisbeerschorlenPause auf der Passhöhe Landwassereck.

Ab hier schummeln sich manchmal naturnahe Pfade unter die Schotterwege. Am Huberfelsen vorbei geht es nach Oberprechtal-Wittenbach flott bergab. Im Gasthaus Rössle gönne ich mir zwei alkfreie Radler und ein kurzes Nickerchen.

Denn noch steht mir der angebliche steile Anstieg zum Kapf bevor. Der fiel aber auch moderat und fast eintönig aus.

Sonntags wird die Kapfhütte vom Mitgliedern des Schwarzwaldvereins ehrenamtlich bewirtschaftet. Ich treffe auf eine austauschfreudige Gesellschaft und verbringe mit dieser den späten Nachmittag.

Abendstimmung am Kapf

Vom Kapf (862Hm) aus hat man eine fantastische Fernsicht in Richtung Nordschwarzwald und bei klarer Sicht in den Elsass. Und das alles inkl. eines feurigen Sonnenuntergangs.

Heute schlafe ich im Schutzraum der Kapfhütte. Es gibt hier ziemlich große Flugameisen. Mal schauen wie wir uns vertragen.

Tag 2: 28,9km – /~1.150Hm – \~1.000Hm

Tag 3: Kapfhütte -> Simonswald

WWW heißt für mich auf dieser Tour: WirtschaftsWegWanderung.
Auch die dritte Etappe des ZweiTägerSteigs hat noch einen hohen Anteil eintöniger Wege.

Wenn die tollen Aussichten nicht wären, die sogar bei Regenwetter was hermachen, so wäre dieser Weg nicht attraktiv. Bis jetzt passt das Wort „Steig“ nicht zum Weg. Aber ich bin ja auch noch nicht am Ende des Wegs und lasse mich gern überraschen.

Zum Ende hin kommen ein paar naturnahe Wegabschnitte, die bei mir wieder Hoffnung aufkommen lassen …

Es ist aber schon bezeichnend, dass ich bei jedem interessanten Wegabschnitt ein Foto zu Erinnerung mache, – damit diese wenigstens nicht in Vergessenheit geraten.

Wandern mit Kopfhörern habe ich heute ausprobiert. Als Hörbuch diente mir Peter Wohllebens Bäumebuch. Zunächst mal dauerte es etwas bis ich alles gerichtet hatte. Verbindung zwischen mobiltel und Kopfhörern. Kabel so fixieren, dass mir die Stöpsel nicht aus den Ohren gezogen wird. Lautstärke richtig einstellen und dann los. Herr Wohlleben informierte mich über die Sprache der Bäume. Dabei bekam ich nur die Hälfte der Infos mit, da ich mit der anderen Hälfte beim Beobachten und Wahrnehmen des Weges und der realen Bäumen war. Ich fühlte mich hin und hergerissen. Schon nach fünf Minuten war es mir zu viel. Ich beendete den Versuch, zog die Stöpsel und entkabelte mich. Waldruhe umgibt mich, bis auf meinen ständigen Begleiter, den Tinnitus. Eine Wohltat ohne Wohlleben.

In Simonswald bin ich im Gasthof HIrschen abgestiegen, habe gut gegessen, getrunken, geduscht, geschlafen und gefrühstückt.

Tag 3: 23km – /~680Hm – \~1.180Hm

Tag 4: Simonswald -> Thomas-Hütte

Mäßig schön zog sich der Weg durchs Simonswälder Tal bis der erste wirklich kräftige Anstieg mir die Schweißperlen auf die Stirn brachten.

Die Einkehr Hintereck ist nur zu Fuß erreichbar und hat heute geschlossen. Getränke gibt es in Selbstbedienung und Zahlung auf Vertrauensbasis (sehr angenehm). Ich mache eine lange Pause.

Steil geht es auch wieder bergab durch den Bannwald der Teichschlucht. Echt beeindruckend.

Der wunderbare Weg führt permanent an herrlichen kleinen Wasserkaskaden entlang.

Umgestürztes Totholz scheint hier lebendiger als noch stehendes Lebendholz in Baumplantagen anderenorts.

Einzelhof am Zweribachweg

Das schwüle Wildgutachtal quere ich, um gleich wieder in einen Bannwald zu geraten …

Hier beeindrucken mich die Zweribachwasserfälle, die gar nicht so hoch sind. Sie sind eingebettet in einen sehr schattigen, halbwegs naturbelassenen Wald und erzeugen in mir eine etwas dunkel-düstere Stimmung.

Kurz vor dem Kandelhöhenzug passiere ich den schön gelegenen Langeckerhof. Hier wird anscheinend noch eine rücksichtsvolle Kuhmilchwirtschaft betrieben …

An großen Einzelhöfen geht es vorbei über die Kandelhöhen (eintönige Wege und tolle Aussichten) bis kurz vor den gleichnamigen Gipfel. Ich schwenke vorher zum Gummenhof ab, der einzigen Alm in dieser Gegend. Sie wird vom Fensterli-Wirt bewirtschaftet. Leider war Ruhetag und ich konnte meine Neugier nicht weiter befriedigen.

Um 19 Uhr erreiche ich die Thomashütte, die an einem phantastischen Aussichtspunkt liegt. Hier verbringe ich bei Tomatenrisotto und Schreiben den Abend, …

… mache ein paar Bilder vom Sonnenuntergang …

und dem nächtlichen Freiburg.

Und dann hat meine Isomatte mal wieder schlapp gemacht. Zum ersten mal habe ich die zwei Löcher mit den Augen gefunden und habe sie vor dem Schlaf noch reparieren können. Gut dass ich Reparaturzeug dabei habe. Wahrscheinlich brauche ich für die Alpenwanderung im Sommer eine neue Matte.

Tag 4: 26,4km – /~1.500Hm – \~850Hm

Tag 5: Thomas-Hütte -> Freiburg

Wenn ich den ZweiTälerSteig in Reinform zu Ende gehen will, brauche ich heute morgen nur noch 8 km abwärts nach Waldkirch zu laufen. Doch ist das Wetter so prima und meine Lauflust trotz aller eintönigen Wege noch ungebremst. Der abendliche Blick auf Freiburg und meine Erinnerungen an schöne Freiburg-Aufenthalte während meiner Studentenzeit tun ihr Übriges dazu, einen Weg zu suchen, auf dem ich heute in Freiburg ankomme.

Ich werde beim Kandelhöhenweg mit seinen fünf Etappen fündig, der auch schon zu Beginn meines Weges auf dem ZweiTälerSteig identisch mit diesem verlief. Ich steige am Kandel in die vierte Etappe ein …

Neben all den schönen Wiesen und Aussichten …

… laufe ich meist durch Baumplantagen.

Für den „Wald“ ist es sicher schmerzhaft, wenn Forstwege auf diese Weise radikal verbreitert werden, um wiederum mit noch größeren Maschinen noch effizienter Holz zu „ernten“. Es gibt noch viel zu lernen.

einfach und schön

Es ist warm und ich bin einige Stunden ohne Trinkwasser unterwegs. Komisches Gefühl.
Der Kandelhöhenweg ist anscheinend eine typische MTB-Strecke für Ausdauertraining und anschließender Genussabfahrt.

Nach einem letzten Abschwung erreiche ich um ca. 17 Uhr Freiburg. So warm und auch etwas schwül kenne ich die Stadt bereits von früher.

Ein Eiskaffee entschädigt für die letzten Mühen. Bevor mein Nachtzug nach Kassel fährt habe ich noch genügend Zeit, meinen Flüssigkeitsbedarf im Feierling-Biergarten mit hausgemachtem Bier zu decken. Das gibt mir ausreichend Sitzplatz-Schwere, um auf der Heimfahrt ein paar Nickerchen hinzubekommen.

Tag 5: 27,9km – /~600Hm \~1.350Hm

Zusammenfassung:

  • Immer häufiger habe ich den Eindruck, dass Naturschutzgebiete, Bannwälder, etc. stets dort etabliert und ausgewiesen worden sind, wo sich eine effektive Bewirtschaftung durch die Menschen sowie nicht lohnt. Solche Areale lassen sich relativ leicht ausweisen, weil wenig Widerstand wirtschaftlicher Interessen zu erwarten ist, – und evtl. sogar noch ein touristischer Nutzen (Gastronomie und Übernachtungen in der Nähe, Eintritt und Parkplatzgebühren vor Ort, …) erwirtschaftet werden kann.
  • „Langsam steigst du die vom Tau noch feuchten Wiesen nach oben. Der Blick ins Elztal berauscht Dich. Waldrandwege werden zu Traumpfaden. Verstreut liegen die Bauernhöfe. Du fühlst dich wie im Paradies und dein Herz geht auf.“
    Dieser Text einer Infotafel zum ZweiTälerSteig soll die Stimmung wiedergeben, die aufkommen soll, wenn man von Oberprechtal nach Hohenhäuser läuft. Die Strecke entspricht in etwa meinem Weg, den ich am zweiten Tag gegangen bin: Außer dass „die Bauernhöfe verstreut liegen“ finde ich die anderen Attribute („berauscht“, „Traumpfade“, „Paradies“, „Herz geht auf“) übermäßig übertrieben. Sie halten keinen Abgleich mit der Realität stand.
  • Der „Naturpark“ Südschwarzwald legt in seiner Selbstbeschreibung sehr viel Wert auf „Natur“.
    „Park“ kommt schon eher hin, weil es in den Baumplantagen doch recht aufgeräumt wirkt, ganz so wie in einer Parklandschaft. Forstwirtschaftspark wäre wohl ein ehrlicherer Begriff, doch lässt sich damit keine Marketingbroschüre für Tourismus und Naherholung gestalten.
  • Der ZweiTälerSteig ist vom Deutschen Wanderverband als Qualitätsweg zertifiziert.
    Inwieweit die Kriterien, insbesondere die der Wegeführung, erfüllt sind, bzw. wer die Bewertung mit welcher Toleranz durchführt, – darüber kann ich nur fantasieren. Im Vergleich zu anderen Qualitätswegen, die ich bereits erlaufen habe, hat der ZweiTälerSteig für mich einen zu hohen Anteil an breiten Wirtschaftswegen und -sträßchen.
  • Der Begriff Steig wird bei diesem Wanderweg, wie bei vielen anderen Wanderwegen auch, aus meiner Sicht irreführend benutzt und suggeriert „einen engen Weg über Anhöhen und Berge, der nicht von Fahrzeugen befahren werden kann.“ Dies ist beim ZweiTälerSteig zum großen Teil nicht der Fall.
  • Als gravierende Veränderungen seit den 1970er Jahren habe ich wahrgenommen:
    • Windräder sind an vielen exponierten Stellen gebaut worden. Obwohl ich deren Anblick und Geräusche aus dem Kasseler Raum bereits gewohnt bin (und sie als notwendig erachte), musste ich mich an ihre Präsenz im Südschwarzwald erst gewöhnen. Auch die breiten und stark befestigten Zufahrten zu den Windradplätzen sind nicht gerade ein geringer Eingriff in Wald und Flur.
    • Das MTB als Sport- und Freizeitgerät hat im Schwarzwald voll Einzug gehalten, sowohl in rein manueller Variante und insbesondere als E-MTB. Ich bin erheblich mehr MTBern als Wandernden begegnet.
    • Der Tourismus ist professioneller geworden. Nicht nur der Schwarzwaldverein kümmert sich um den Erhalt der Wege und deren Beschilderung. Die Tourismusverbände vermarkten diese Wege durch Broschüren, auf Websites und durch erweiterte „Erlebnisangebote“, z.B. geführte Wanderungen mit Gepäcktransport. Dieses intensive Buhlen um den „Kunden“ hat stark zugenommen und führt zu marktschreierischem Auswüchsen auf Infotafeln, in Prospekten und im Internet.
  • Für mich waren die schönsten Abschnitte und Orte auf dem Zweitälersteig:
    • die Pause am Wanderheim Kreuzmoos (Tag 1)
    • die Abendstimmung und Übernachtung an der Schutterquelle (Tag 1)
    • die Abendstimmung und Übernachtung an der Kapfhütte (Tag 2)
    • der Aufstieg aus dem dem hinteren Simonswälder Tal zur Einkehrstube Hintereck inkl. anschließendem Abstieg (Tag 4)
    • der Bannwald und die Wasserkaskaden in der Teichschlucht (Tag 4)
    • der Bannwald und die Zweribachwasserfälle (Tag 4)
    • die Abendstimmung und Übernachtung an der Thomas-Hütte (Tag 4)
    • die vielen wirklich schönen Fernsichten in fast alle Himmelsrichtungen
    • die vielen wirklich schönen typischen Schwarzwaldhöfe, die das Kulturlandschaftsbild prägen

Bei outdooractive.com kann der
gpx-Track der Zweitälersteig-Variante heruntergeladen werden.

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