Tag 15 – Dienstag, 1. September:
Erste Sonnenstrahlen wärmen und locken mich aus der Capanna Garzonera heraus. Gleichzeitig verabschiedet sich langsam der Mond.
Beim Aufstieg zum Passo Sassello (2335 Hm) komme ich am Lago di Prato wieder in einen Felsenkessel – ich nenne ihn Cirque di Prato.
Immer wieder entsteht bei einem solchen Cirque der Eindruck, dass es hier nicht mehr weitergeht.
Doch bei näherem Hinschauen und -laufen ergibt sich dann die Lücke, der Passo Sassello.
Und immer noch ist der Mond zu sehen.
Ich laufe auf alten Saumpfaden aus Trockenmauern, die Generationen vor uns angelegt haben, um ihren kärglichen Lebensunterhalt durch Beweidung von Steilhängen zu sichern. Jetzt dienen die Wege uns Bergtouristen zur Gesunderhaltung von Körper, Geist und Psyche.
Auf der anderen Seite des Passes kann ich ins obere Vallemaggia blicken. Der Lago Sambuco, ein Stausee, erleidet in diesem Sommer das gleiche Schicksal wie fast alle Seen: sein Pegel ist kräftig gesunken.
Der Weg ist zwar eine Etappe der Alta Via Vallemaggia, doch ist er anscheinend selten begangen. Zum einen bin ich mal wieder der einzige auf diesem Pfad …
… zum anderen stehen am Wegesrand gehäuft Edelweiß, die bei regem Wanderverkehr wahrscheinlich nicht mehr hier sein würden.
Im Norden des Tessins ist ein System von Stauseen angelegt, dass das Wasser der Gletscher und der Schneeschmelze zur Elektrizitätsgewinnung vorhält.
Was mit der Stromerzeugung und den Stauseen passieren wird, wenn die Restgletscher geschmolzen sind und die Schneeschmelze geringer ausfällt, ist mir noch nicht klar.
Manchmal gibt es einfach schöne Steine am Wegesrand (ca. 1 Meter lang).
Am Passo Cristallina (2568 Hm) erahne ich was Rechteckiges – die Capanna Cristallina.
Eine im neuen Stil errichtete Hütte, nachdem die vorherige Hütte im Jahr 2006 einer Lawine zum Opfer fiel. Über 100 Übernachtungsgäste verträgt sie.
Heute nächtigen ca. 30 Gäste hier. Mit einem niederländischen Paar aus Utrecht verbringe ich einen angenehmen Abend, der – wie meist – um neun Uhr wegen Müdigkeit endet.
Tag 15: Capanna Garzonera – Capanna Cristallina: 15,5 km – / 1587 Hm – \ 991 Hm
Tag 16 – Mittwoch, 2. September:
Morgenstimmung am Passo Cristallina.
Die Capanna Cristallina steht da wie ein Monolith.
Auch Landschaft pur kann einfach schön sein.
Wenn man mit Geo-Augen hinschaut, kann man die geglätteten Felswände als Gletscherschliff erkennen. Ein paar Millionen Jahre braucht es dafür.
Der Basodino-Gletscher ist massiv zurückgewichen und hat seine Schleifarbeit unterhalb des Restgletschers freigegeben.
So wird es in einigen Jahrzehnten auch bei den größeren Gletschern aussehen bzw. es sieht dort schon so aus.
Noch stürzt aus allen Felsecken das Wasser zu Tal.
Die Seilbahnstation Robiei ist ein technisches Meisterwerk. Es dient dem Materialtransport zum Erhalt des Stauseensystems und es werden in einer zweiten Ebene Menschen (Arbeiter, Touristen, …) in einer Kabinenbahn transportiert.
Ab hier geht es flott wieder aufwärts hinauf zur Bocchetta Vallemaggia, immer wieder mit Ebenen als Zwischenstufen, damit der Schweiß wieder trocknet.
Mein Vergnügen wird gesteigert als es kurz vor dem Pass blockig wird und gleichzeitig gut schweizerisch markiert ist.
Oben am Pass bekomme ich eine Begegnung der besonderen Art geschenkt.


Zunächst durfte ich mich ihm langsam nähern. Dann ging er lässig und tiefenentspannt davon.
An der Bocchetta Vallemaggia (2635 Hm) wechsle ich von der Schweiz nach Italien.
Beim Abstieg bekomme ich gleich die wilde Schönheit Italiens zu spüren: Sehr wenige und verblasst Markierungen.
Den optimalen Weg zwischen den Markierungen und durch das Blockgelände darf ich mir selbst suchen.
Ich bin im Piemont im Val Formazza angekommen und ich habe bei den nächsten vier Etappen mal wieder den Sentiero Italia unter den Füßen. Gleichzeitig ist es auch der Walserweg Gottardo, der die Walserdörfer in der Nähe des Gotthardpasses verbindet.
Das Val Formazza ist mir bereits bekannt. 2019 und 2023 haben Lady C. und ich hier gemeinsam Etappen der GTA (Grande Traversata delle Alpi) erwandert, die hier identisch sind mit dem Sentiero Italia.
Die ersten Walser-Häuser erinnern mich daran, dass das Val Formazza hauptsächlich durch Migrierte aus dem Wallis (=Walser) besiedelt wurde.
Kultur, Baustil und Sprache werden im Val Formazza noch gut gepflegt. Hier ist es positiv besetzt, wenn Migrierte ihre Kultur und Sprache im ‚Exil‘ pflegen und erhalten. In der lokalen Grundschule von Ponte werden neben italienisch auch Walser Sprachkenntnisse vermittelt.
Die Migration der Walser ist breit gestreut und erstreckt sich bis ins Kleinwalsertal.
Die Cascate della Toce sind heute nur ein dürftiges Rinnsal.
Wegen Wassermangel werden die Kaskaden nur stundenweise zur touristischen Attraktion intensiv mit Wasser beschickt.
Fotos aus der Vergangenheit zeigen die damals kontinuierlich vorhandenen Wassermassen der Kaskaden.
Meine heutige Herberge, das B&B ‚Zum Schtäg‘ in Ponte, erreiche ich wegen des langen Abstieg erst am Abend.
Von den Vermietern, Walserin und Walser durch und durch, werde ich auf walserisch herzlich begrüßt. Ich verstehe sogar in bisschen.
Tag 16: Capanna Cristallina – Ponte im Val Formazza: 25,2 km – / 1286 Hm – \ 2571 Hm
Tag 17 – Donnerstag, 3. September:
Mein erster Ruhetag auf dieser Tour. Ich verbringe ihn hauptsächlich in der ‚Walserschtub‘ des B&B. Gemütlich ist es. Obwohl draußen herrlichstes Wetter ist, tut es mir heute mal gut, mich hauptsächlich drinnen aufzuhalten.


Wäsche waschen, einkaufen, die nächsten Herbergen buchen, Blog schreiben, Kontakte pflegen – und der Tag ist vorbei.
Und am nächsten Morge gibt es als Schmankerl noch ein wunderbares Frühstück italienisch-walserischem Stil.
Und das muss ich erwähnen: ich bin mal wieder der einzige Gast, diesmal im B&B in Ponte (Zum Schtäg, walserisch) im Val Formazza (Pomatt-Tal, walserisch).
Tag 17: Pause in Ponte im Formazza































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